Wiener Philharmonic Orchestra | Beethoven: Complete Symphonies

Kein Klassik-Label von Rang lässt es sich nehmen, im Vorfeld des 250. Geburtstags Ludwig van Beethovens mit neuetn Editionen aufzuwarten. Ob Konzerte, Sinfonik, Kammermusik – vermutlich hat das Schaffen dieses Komponisten noch nie eine solche mediale Präsenz erlebt wie derzeit. Mehr als 160 Mal sind in den vergangenen 100 Jahren die Sinfonien als Gesamtzyklus eingespielt worden, davon allein sechs Mal durch die Wiener Philharmoniker, mit denen der Lette Andris Nelsons jetzt eine weitere Neuaufnahme vorlegt. Nelsons, seit dem vergangenen Jahr neben seiner Tätigkeit als Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra auch künstlerischer Leiter des Gewandhausorchesters in Leipzig, gilt als Magier des Klangs, und so konnte man durchaus gespannt sein auf seine Darstellung des kompletten sinfonischen Œuvres Beethovens. Das Ergebnis, das gleich vorweg, fällt eher durchwachsen aus.


In der frühen C-Dur-Sinfonie gelingt Nelsons eine wunderbare Balance der Streicher und Holzbläser. Bereits in der langsamen Einleitung des Kopfsatzes wird jedes Detail hörbar, sanglich-strömend entfaltet sich der musikalische Satz, den der Dirigent auch in der Durchführung nie überdramatisiert. Seine Interpretation der fünften Sinfonie wirkt wie aus einem Guss: kraftvoll-zupackend im Gestus, äußerst präzise in der dynamischen Differenzierung. Wie er im Andante das strahlende Blech gegen die abgedunkelten Streicherpassagen setzt – das hat man in dieser Trennschärfe nur selten gehört.
Äußerst schwach hingegen seine Darstellung der „Eroica“. Da badet Nelsons ein bisschen zu sehr im Wohlklang. Die häufigen Akzente und Sforzati, geradezu ein Markenzeichen Beethovens, werden im Kopfsatz zu wenig betont, die dynamischen Angaben nicht richtig ernst genommen. Das Ergebnis ist ein etwas breiiges Klangbild, wenig plastisch und definitiv zu blass. Auch der Trauermarsch fällt nicht überzeugend aus. Da fehlt es an innerer Spannung, was auch an dem sehr langsamen Tempo liegen mag, das Andris Nelsons wählt. Bravourös hingegen das rauschhafte Scherzo, und auch der Finalsatz mit seinem vorwärtsdrängenden Gestus gelingt ihm prächtig.
Nelsons setzt insgesamt mehr auf die Fläche als auf die Linie. Der Gesamtklang steht bei ihm im Vordergrund und da bleibt leider manches kompositorische Detail auf der Strecke. So wirkt der erste Satz der Pastoralsinfonie fast ein wenig verwaschen, und auch dem zweiten Satz, der „Szene am Bach“, fehlt es in Nelsons sehr getragener Interpretation an Schwung und Grazie. Insgesamt überzeugt er mit seiner Darstellung vor allem in den Scherzi und Finalsätzen mit ihrem häufig mitreißenden Charakter. Ein schlanker Klang oder kammermusikalische Transparenz sind hingegen Nelsons Sache nicht unbedingt. Er malt lieber mit breitem Pinsel – und das häufig durchaus überzeugend. Doch nicht immer ist das der klanglichen Differenzierung des musikalischen Satzes zuträglich.
Meisterhaft gelingen ihm jedoch große Spannungsbögen, etwa im Kopfsatz der siebten Sinfonie oder im Adagio molto der Neunten. Da findet Nelsons zu einem hinreißenden Espressivo, lässt die Bläser „singen“ und gestaltet den gesamten Satz als ausdrucksvolle Brücke zwischen dem schroffen, dunkel gefärbten Kopfsatz und der rauschhaften Ode an die Freude. Insgesamt eine Gesamtdarstellung der Beethoven-Sinfonien mit Höhen und Tiefen. Allein: Wer es vor allem klanglich opulent mag, der wird hier von den engagiert musizierenden Wiener Philharmonikern bestens bedient.

Martin Demmler

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Beethoven: Sinfonien Nr. 1-9; Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons (2017-19); Deutsche Grammophon (5 CDs & Blu-ray Audio)