Vijay Iyer | The Transitory Poems

Jazz auf zwei Flügeln ist heutzutage ein recht rares Erlebnis. Wirklich zelebriert wird dergleichen eigentlich nur noch regelmäßig im Boogie-Woogie-Genre. Während ansonsten alle Jubeljahre mal Herbie Hancock mit Chick Corea pianistisch über (eigene) Standards extemporiert und so den gemeinsamen Legendenstatus pflegt. Dass es nun mit „The Transitory Poems“ eine Live-Duo-Scheibe der Improvisations-Artisten Vijay Iyer und Craig Taborn gibt, verdient also allein schon ob des Seltenheitswerts besondere Beachtung.


Die Kollaboration der beiden Pianisten hat ihre Wurzeln in Roscoe Mitchells „Note Factory“, auf dessen musikalisches Konzept komplexer Notationen plus individueller Improvisation sie sich für ihren Auftritt in der Budapester Liszt-Akademie explizit beriefen.
Erstaunt registriert man im Laufe ihrer acht dialogischen Exkurse die fehlende Tastendonner-Inspiration des berühmten Klaviervirtuosen. Und versinkt stattdessen in flirrenden, subtil verschachtelten Läufen, die sich aus der zart getupften Indroduktion zu „Life Line (Seven Tensions)“ entwickeln. Wer markante Block-Akkorde setzt und wer sie mit perlenden Läufen auffüllt, bleibt offen – als akademische Frage für analytische Hörer. Die vermutlich ein Vergnügen daran finden, etwa im Muhal Richard Abrams gewidmeten „Clear Monolith“ dessen Spurenelemente zu entdecken.
Natürlich kann man aber auch schlicht dem luziden Zauber der leichthändig dargebotenen Ton-Gedichte lauschen, dabei delikate Momente wie etwa kunstvoll gesetzte Triller genießen und in dem organisch fließenden, selten aufbrodelnden, jedoch im Detail anspruchsvollen Wohlklang entrückt schwelgen. Was ein hochspannend Erlebnis ist.

Sven Thielmann


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Vijay Iyer | The Transitory Poems

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Vijay Iyer & Craig Taborn: The Transitory Poems; Vijay Iyer (p), Craig Taborn (p); ECM / Universal

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