Susanne Scholz, Michael Hell | L'immagine di Corelli

Seit Jahrzehnten tobt unter Barockgeigern ein erbitterter Glaubenskrieg, ob man das Instrument zwischen Schulter und Kinn einklemmen darf (was insgesamt mehr Sicherheit verleiht und einen wilderen Bogenstrich ermöglicht) oder nur locker auf das Schlüsselbein legen soll (was einen resonanzreicheren Klang zur Folge hat, aber den Lagenwechsel erschwert). Entschärfen ließe sich das Problem, wenn man es zeitlich, räumlich, sozial und mit Blick auf das jeweilige Stück viel stärker differenzieren würde.

Genau dies tut nun Susanne Scholz, wenn sie in fünf Violinsonaten aus Corellis legendärem Opus 5 – die Sonate Nr. 10 erklingt hier in einer Cembalotranskription aus der Zeit um 1720 – zwar auf ein und derselben Geige, aber mit drei verschiedenen Bögen in drei verschiedenen Techniken spielt. Dabei geht sie sogar so weit, in der Sonate Nr. 1 die Geige nicht auf, sondern unter dem Schlüsselbein und den Bogen mit dem Daumen nicht an der Stange, sondern unter dem Frosch zu halten, wie es im 17. Jahrhundert eine verbreitete Praxis war.

Dass dies alles nicht nur eine Frage der reinen Lehre ist, sondern erhebliche Auswirkungen auf das Resonanzverhalten des Instruments sowie auf die Artikulation und Tempowahl des Spielers hat, wird in dieser Aufnahme exemplarisch deutlich: Der Unterschied zur Sonate Nr. 4, die mit einem Bogenmodell und einer Technik aus der Mitte des 18. Jahrhunderts gespielt wird und ebenmäßiger klingt als die Sonate Nr. 1, ist ohrenfällig.

Auch in der Wahl der Verzierungen, der Cembali und der Stimmungen bietet Scholz im Verbund mit Michael Hell ein Höchstmaß an historisch fundierten Varianten. Somit findet, was Eduard Melkus 1972 mit seiner epochalen Archiv-Produktion dieser Sonaten angestoßen hat, hier eine verdienstvolle Fortsetzung. Auch mit Blick auf die gute, ideologiefreie Dokumentation im Beiheft ist diese CD für Geiger ein unbedingtes Muss.

Matthias Hengelbrock

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Susanne Scholz, Michael Hell | L'immagine di Corelli

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L‘immagino di Corelli. Sonaten op. 5 Nr. 1, 3, 4 und 8-10; Susanne Scholz, Michael Hell (2016); Querstand