Samuel Hasselhorn | Dichterliebe

Nicht allzu häufig sind die Momente, da man beim Hören von Liedplatten den Himmel offen sieht. Dem Schreiber dieser Zeilen passierte es, als er in den 60er-Jahren Fritz Wunderlich mit der „Schönen Müllerin“ hörte oder auch mit Schumanns „Dichterliebe“. Oder Anfang dieses Jahrtausends Christian Gerhaher mit Schuberts „Winterreise“. Und nun wieder „Dichterliebe“, gesungen vom nicht mal dreißigjährigen Bariton Samuel Hasselhorn.

 

Der junge Mann aus Göttingen, in den letzten Jahren Dominator zahlreicher internationaler Gesangswettbewerbe und seit diesem Herbst im Ensemble der Wiener Staatsoper, ist großartig – auf jeden Fall auf seiner zweiten Lied-CD, darunter eben die Schumann᾽sche „Dichterliebe“. Natürlich ist dies wie immer eine Geschmacksfrage, aber so schön und zugleich stimmig haben seit Wunderlich nur wenige diesen Zyklus gesungen. Da passt fast alles: Timbre, Technik, Ausdruck, Text-Enunziation. Einzig an ironischer Distanz mag es noch etwas fehlen. Ansichtssache.
Dazu präsentiert das Album eine dramaturgische Volte: Hasselhorn und sein gleichfalls exzeptioneller, fein nuancierend begleitender Klavierpartner Boris Kusnezow konfrontieren Schumanns Zyklus mit einer virtuellen „Dichterliebe“ – in der gleichen Abfolge von Gedichten aus Heines „Lyrischem Intermezzo“, wie Schumann sie wählte, wobei die jeweiligen Lieder jedoch von Mussorgsky, Wolf, Liszt, Ives, Grieg, Loewe, Mendelssohn, Fanny Hensel, dem lange unterschätzten Robert Franz (1815-1892) sowie von Stefan Heucke (Jahrgang 1959) in Ton gesetzt wurden. Natürlich kann dieser fiktive Zyklus nicht mit jenem Schumanns mithalten. Doch interessant ist nicht zuletzt die bei manchen Komponisten völlig unterschiedliche Herangehensweise – pars pro toto die Annäherung des 25-jährigen, noch ganz der Romantik verpflichteten Charles Ives an „Ich grolle nicht“ (1899). Anhören!

Gerhard Persché

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Dichterliebe². Werke von Schumann, Franz, Mussorgsky, Liszt, Wolf, Ives, Hensel, Heucke, Grieg, Loewe, Mendelssohn; Samuel Hasselhorn, Boris Kusnezow (2018); gwk