Orfeo Orchestra | Rameau: Naïs, RCT 49

Man muss sich die Pariser Uraufführung von Rameaus Oper „Naïs“ im April 1749 als grandioses Spektakel vorstellen, an dessen Erfolg neben Sängern und Musikern die Tänzer, Maler, Architekten und Pyrotechniker Anteil hatten. Bei CD-Einspielungen solcher Werke besteht die Herausforderung darin, dieses Multitheater hörbar zu machen.

Dem ungarischen Cembalisten und Dirigenten György Vashegyi gelingt das wie einem guten Hörspielregisseur. Wenn z. B. zu Beginn des Prologs die Musik donnert und rumpelt, sieht man förmlich, wie die Giganten um die Weltherrschaft kämpfen.

Erst nach diesem Prolog tritt die Nymphe Naïs auf, die ihre Verehrer zurückweisen muss, weil sie Neptun liebt. Der Stoff hätte das Potenzial zum Eifersuchtsdrama. Aber hier geht es völlig entspannt zu, was auch an vielen Zwischenspielen und Tänzen liegt, die Ruhe und Anmut verbreiten. Neptun gebärdet sich nicht als wütender Herrscher des Meeres, sondern ist jünglingshaft von seiner Leidenschaft zu Naïs erfüllt. Reinoud Van Mechelen singt ihn mit hellem, schlankem Tenor und vibrierender Erregung, dabei von anziehendem Charme. Chantal Santon-Jeffery als Naïs gibt sich nicht ganz so liebreizend. Ihre mitunter feste Tongebung kann man als eine Art Rollenausdeutung einer entschlossenen Frau verstehen. Ihr Vater, der Seher Tirésie, ist bei Florian Sempey kein stoischer Orakelsprecher, sondern einer, der das Liebesglück der Tochter in bewegtem Gesang lenkt, als sei er selbst beteiligt. In schöner Gegensätzlichkeit treten die beiden Verehrer Télénus und Astérion auf, Thomas Dolié als robust polternder Bariton und Manuel Nuńez-Camelino als exaltierter Tenor. Einmal, in „Tendres bergers“, besingt dieser Astérion die ländliche Idylle statt seiner Angebeteten, und György Vashegyi kleidet diese Szene in ein wunderbares Panorama, bei dem man die Schäfer förmlich tanzen sieht.

Richard Lorber

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Orfeo Orchestra | Rameau: Naïs, RCT 49

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Rameau: Naïs; Chantal Santon-Jeffery, Reinoud Van Mechelen, Florian Sempey, Thomas Dolié, Manuel Nuńez-Camelino, Purcell Choir, Orfeo Orchestra, György Vashegyi (2017); Glossa