Michael Korstick | Kabalevsky: 24 Préludes op. 38 u. a.

Dmitri Kabalevsky scheint der Ruf des ideologisch konformen, geschickten Eklektikers anzuhängen, dessen Musik man allenfalls in pädagogischer Hinsicht gelten lässt. Mit Michael Korstick nimmt sich endlich einmal ein Pianist ersten Ranges der kompletten Préludes op. 38 an, eines Kosmos von erstaunlichem Gestaltenreichtum.


Schon in technischer Hinsicht lässt Korstick die recht mediokre Konkurrenz der jüngeren Zeit weit hinter sich. Die tückische Nr. 3 in G, die eine lockere Linke erfordert, wirft er mit herausfordernder Lässigkeit hin, die etüdenartige Bravournummer in es-Moll hört man tatsächlich prestissimo possibile, wie es nur noch dem Pianisten der Ersteinspielung, Yakov Flier, gelang. Doch in der Auslotung der Farben und Stimmungen dieses Zyklus findet er zu einem freieren, fast romantisch gesättigten, von keinem sowjetischen Realismus angehauchten Spiel. Kabalevsky verarbeitet in jeder Miniatur eine mehr oder minder bekannte russische Volksweise und bezeugte damit im Schaffensjahr 1943 eine politisch opportune Heimatverbundenheit.
Wer mit diesen Melodien aufgewachsen ist, könnte hier in eine etwas genrehafte und unfreie Zitatenlese verfallen, während Korstick selbst harmlos anmutende Nummern wie das Eingangsprélude sehr poetisch und versponnen aussingt. Der Gedanke an die schlicht-folkloristischen Wurzeln des Materials engt ihn nicht ein.
Wer Korsticks Kunst kennt, weiß, dass er stets an die Ausdrucksgrenzen drängt. Im großartigen letzten Prélude scheinen sich die Extreme zu vereinen. Den marschierenden Beginn meißelt der Pianist in seiner unnachahmlich stählernen Attacke heraus, und es ist ein magisches Ereignis, wie dieses Toben in einen lyrischen Traum von fast fauréartiger Zartheit umschlägt.

Matthias Kornemann

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Michael Korstick | Kabalevsky: 24 Préludes op. 38 u. a.

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Kabalevsky: 24 Préludes op. 38 u. a.; Michael Korstick (2017/18); cpo