Lillian Gordis | Zones

Wer sich, wie hier die junge britische Cembalistin Lillian Gordis, mit Domenico Scarlattis Sonaten befasst, muss zwei Hürden bewältigen: ihre schiere Anzahl und ihre Originalität. Was die Anzahl angeht, verfolgt Gordis die Vorstellung von „Zonen“ aus jeweils vier Sonaten – bei ihr zunächst tonartlich, dazu in einer Reihenfolge, die im Großen und Ganzen sonatenmäßiger Viersätzigkeit entspricht.


So entsteht eine recht virtuose erste Gruppe (Sonaten K 229, 87, 25 und 122), eine lyrische zweite (K 215, 262, 402 und 264) und eine Art ländliche dritte mit den angedeuteten Charakteren von Pastorale (K 516), Jagdstück (K 253), bukolischem Intermezzo (K 474) und abschließendem Satyrspiel (K 248). Dazu noch die die zarte Sonate K 208, ein Lieblingsstück auch vieler anderer Interpreten.
Es glückt Gordis überzeugend, die stark kontrastierenden Charaktere jeweils in ein imaginiertes Ganzes einzubinden. Eine andere Frage jedoch ist die Überflutung von Spieler und Hörer mit den aufreizenden Dissonanzen und Wiederholungen, den launischen Wendungen und Ausreißern, die Scarlatti sich erlaubt. Hier geht Gordis schlicht aufs Ganze: Sie musiziert all das aus, vom gleichsam Augenverdrehend-Lyrischen bis zum krachend Perkussiven, und geradezu mit Wonne am provokanten Auskosten des Augenblicks; sie staut, verzögert, beschleunigt und rast mit der Musik. Das Cembalo, erbaut 1999 nach deutschen Vorbildern von Philippe Humeau (den Gordis’ Mentor Pierre Hantaï entdeckte und förderte), liefert ihr dazu einen substanzreichen Klang von beinahe widerborstiger Kraft und Buntheit. Ein Stück wie die lange Sonate K 402, von Gordis auf annähernd eine Viertelstunde Länge gebracht, wird so beim Hören zu einer Expedition in ungeahnte Welten von Farbe und Ausdruck.

Friedrich Sprondel

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Lillian Gordis | Zones

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Zones. Sonaten von Domenico Scarlatti; Lillian Gordis, Cembalo (2018); Paraty