Kammerorchester Basel | Schubert: Symphony in C Major, "The Great"

Franz Schuberts Sinfonien erleben derzeit ihren x-ten Frühling. Gleich drei Dirigenten haben eine Gesamteinspielung begonnen und stellen sich damit an die Seite neuer Einzelaufnahmen: John Eliot Gardiner hat Schuberts Fünfte mit einer Brahms-Sinfonie gekoppelt (SDG), die Münchner Symphoniker und Kevin John Edusei widmen sich den Sinfonien 5 und 6 (Solo Musica), im Sommer bereits hat Mariss Jansons mit den BR-Sinfonikern die Neunte aufgeführt und mitschneiden lassen (BR Klassik).

Nach seinem viel beachteten Beethoven-Zyklus widmet sich Jan Willem de Vriend mit seinem Residentie Orkest aus Den Haag zum Auftakt seiner Schubert-Reise den Sinfonien Nr. 2 und 4. De Vriend sieht diese Teenager-Werke als aufregende Experimente mit der Sonatenform. Das wird sofort klar, wenn im ersten Satz auf die langsame Einleitung der Allegro vivace-Abschnitt des ersten Satzes folgt. Man denkt unweigerlich an Schuberts sinfonische Vorläufer, an Haydn und, mehr noch, an Beethoven. Er war für den jungen Schubert Vorbild und Fessel zugleich. De Vriend arbeitet das sehr deutlich heraus, mit starken Gegensätzen und einem gewissen „brio“ im Ton, der den Beethoven-Dunst verrät. Das Andante nimmt de Vriend nicht schleppend, er lässt es lyrisch und zügig voranschreiten, dennoch erhalten die Holzbläser genug Raum für einige Delikatessen. Bei der vierten Sinfonie führt de Vriend den Hörer mit dem ersten Ton gleich mitten ins Geschehen. Auch hier schwebt der Beet­hoven-Geist (c-Moll!) über allem. Den knirschenden Charakter der Harmonien arbeitet das niederländische Orchester kompromisslos heraus, bevor sich das Allegro vivace Bahn bricht. Was der 19-jährige Schubert hier zu Papier gebracht hat, wirkt ungeheuerlich und deutet auf seine späten Werke voraus. Das Menuett ist kaum mehr ein Menuett, sondern nah am Scherzo. Schroff ragen hier die Akzente hervor, scharf pulsiert der Rhythmus. Der Hörer läuft nie Gefahr, dass seine Aufmerksamkeit in den Standby-Modus versetzt wird.
Das gilt auch für René Jacobs, der zu Schubert als seiner ersten großen musikalischen Liebe zurückkehrt, „ein Held meiner Kindheit“, wie der Dirigent zu Beginn seines ausführlichen, lesenswerten Beiheft-Essays bekennt. Mit dem B’Rock Orchestra eröffnet er seinen Zyklus mit der ersten und der sechsten Sinfonie. Schon mit dem ersten Takt ist im Vergleich zu de Vriend klar: anderes Orchester, andere Stimmung, andere Instrumente – historisierend. Auch hier wird Schubert sofort von jedem Verdacht der Gemütlichkeit freigesprochen. Das ist keine Musik eines Idyllikers, eines Biedermeier-Fröhlichen, sondern das frühe Bekenntnis eines Menschen, der die Welt bis in ihre kleinsten Winkel hin befragen wird. Im D-Dur der ersten Sinfonie ist ein Halleluja-Enthusiasmus zu erkennen, der auch aus einer von Schuberts Messen stammen könnte. Jacobs weist auf die alla-breve-Vorschriften im ersten und letzten Satz hin und lässt den aufbrausenden Charakter entsprechend Klang werden, einschließlich kurzer Intermezzi, in denen die Holzbläser für poetische Momente sorgen. Im Finale findet das Stürmen und Drängen dann seine Entsprechung: „Es geht nicht darum das Tempo zu überstürzen, aber es brennen zu lassen“, zitiert Jacobs einen Text von Rousseau. Genau das geschieht in diesem Allegro vivace, Bläser und Streicher sind auch klanglich exzellent in Balance gesetzt.
Auch die Sechste hat Schubert für ein Liebhaberorchester geschrieben. Das müssen schon großartige Laien gewesen sein, wenn sie dieser Musik ihren wahren Wert haben zukommen lassen. Das B’Rock Orchestra jedenfalls spielt wunderbar frisch und beschwingt, voller Begeisterung für das Pulsieren, den dramatischen Gestus. Hier wird musikalischer Heißhunger hörbar, mal rau, mal elegant, aber nie halbgar. Die Musik führt uns nahe an Abgründe heran, aber sie ist nicht ausweglos, wie die Coda zum ersten Satz zeigt. Im Finale (Allegro moderato) besteht oft die Gefahr, dass der Satz zu behaglich verstanden wird. Der Tanzcharakter zu Beginn lullt den Hörer ein, doch gibt es bei Jacobs frühe Aufrauungen, die aufs erste Tutti hindeuten. Hier ist nicht alles glücklich, was so scheint.
Schließlich hat sich nun auch Heinz Holliger (nach seinem Schumann-Zyklus mit dem WDR-Sinfonieorchester) zu einem neuen Großprojekt entschlossen. Mit dem Kammerorchester Basel beginnt er seine „Tour de Schubert“ mit der großen C-Dur-Sinfonie und der Ouvertüre zur „Zauberharfe“. Die stellt mehr dar als ein CD-Füllsel. Mit den ersten Akkorden entfaltet sie eine ungeheure Wucht, bevor ein herrlich kontrastives Piano-Motiv antwortet. Hier zeigt sich, was später auch für die Sinfonie gelten wird: Vibrato setzt Holliger nur ein, wo unbedingt nötig. Wenn das Basler Orchester im Allegro das erste Tutti erreicht, knüpft es da an, wo es mit der „Zauberharfe“ begonnen hat: Der Klang bleibt entfettet. Trompeten und Posaunen sind stets Teile einer genauen Klangfarbendramaturgie, sie setzen sich nicht plakativ in den Vordergrund. Hinreißend das Finale!
Alle drei Aufnahmen bewegen sich auf ähnlich hohem Niveau, in allen Fällen darf man den nächsten Folgen hoffnungsfroh und gespannt entgegensehen.

Christoph Vratz


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Schubert: Sinfonie Nr. 9, Zauberharfen-Ouvertüre; Kammerorchester Basel, Heinz Holliger (2017); Sony Classical

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