Julian Prégardien | Zender: Schuberts Winterreise

Manchmal kehren in Träumen die immergleichen Bilder wieder, fantastische Landschaften etwa, die man häufig besucht – und die doch jedes Mal etwas anders erscheinen. Ähnlich mag es einem mit Schuberts „Winterreise“ gehen – zumal in Hans Zenders „komponierter Interpretation“.

Wenn etwa bereits in „Gute Nacht“ der gleichmäßige Tritt durch hart kontrastierende Text-Montagen („Lass irre Hunde heulen“ etc.) aus dem Gleichgewicht gebracht wird und der Wanderer ins Taumeln gerät. Und schon in diesem Tritt unterscheiden sich auch die Interpretationen der beiden Prégardiens.

Denn Vater Christoph, der dieses Werk 1999 bei Kairos mit dem Klangforum Wien unter Sylvain Cambreling einspielte, nimmt ihn breiter als Sohn Julian in der nun vorliegenden Aufnahme: Letzterer scheint ungeduldiger durch die Schubert-Zender᾿sche Winterlandschaft zu eilen, seine Einspielung ist beinahe zehn Minuten kürzer als die des Vaters. Vor allem unterscheiden sich Vater und Sohn für mein Gefühl dadurch, dass Christoph das Geschehen in der Art eines Mauerschauberichts kommentiert, während Julian oft unmittelbar auf der (Hör-)Bühne steht – man vergleiche pars pro toto beider Interpretation der „Krähe“. Beim „Leiermann“ wiederum scheint Christoph Prégardien auf Becketts nihilistischen Spuren zu wandeln, während der Sohn meinem Eindruck nach eine positive, wenngleich ebenfalls surreale Lösung vorschlägt. Auch wirkt das mit Neuer Musik intime Klangforum Wien detailgenauer als die in vielen Sätteln gerechte Deutsche Radio Philharmonie, deren Musiker sich unter Robert Reimer mehr als vitale Klangillustratoren verstehen.

Beide Einspielungen sind indes vollgültige Exegesen von Hans Zenders genialem Werk, in dem 19. und 20. Jahrhundert miteinander so wunderbar ins Reine kommen. Auch Julian Prégardiens Interpretation verdient – wie schon die seines Vaters – die Höchstnote.

Gerhard Persché

Zur Übersicht
Julian Prégardien | Zender: Schuberts Winterreise

Bei unseren Partnern erhältlich als CD oder Download:

Bestellen bei JPC
Download bei qobuz
Musik:
5,00
Klang:
4,50

Zender: Schuberts Winterreise; Julian Prégardien, Deutsche Radio Philharmonie, Robert Reimer (2016); Alpha