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John Coltrane | Both Directions At Once: The Lost Album (Deluxe Edition)

Die Sensation war perfekt! Die Nachricht von bislang unveröffentlichten Studioaufnahmen des klassischen John Coltrane Quartetts schlug ein wie ein Meteorit. Bereits einige Wochen vor der am 29. Juni 2018 offiziell erfolgten Edition von „Both Directions At Once: The Lost Album“ überboten sich die internationale wie auch die regionale Presse mit euphorischen Besprechungen.

Da war vom „Heiligen Gral des Jazz“ die Rede, und der legendäre Saxofonist Sonny Rollins befand sogar: „Das ist so, als fände man einen neuen Raum in einer der großen Pyramiden“. Ironisch könnte man dazu anmerken, dass sich darin nicht unbedingt etwas befinden muss. Erfreulicherweise trifft das auf die hoch gepriesene Coltrane-Session nicht zu. Sie enthält enthusiasmierende Musik, die sich bestens in die vielen epochalen Einspielungen des ruhelosen Saxofonisten einfügt.

Als John Coltrane  am 6. März 1963 mit dem Pianisten McCoy Tyner, dem Bassisten Jimmy Garrison und dem Drummer Elvin Jones im Aufnahmestudio des auf vorzügliche Jazzeinspielungen geeichten Tonmeisters Rudy Van Gelder in Englewood Cliffs, New Jersey, eintraf, hatte er vor, einige Standards und Originals aufzunehmen. Ob diese als komplettes Studioalbum erscheinen würden, war damals sicher ungewiss. Vermutlich hätte man sonst den Titel „Vilia“ nicht auf dem Sampler „The Definite Jazz Scene Vol. 3“ eingesetzt. Die am darauffolgenden Tag realisierten Aufnahmen mit dem Sänger Johnny Hartman – ein Projekt, das wie auch John Coltranes Aufnahmen mit Duke Ellington auf Anregung des Produzenten Bob Thiele zurückging – waren hingegen schon im Vorfeld als Platte geplant.

Mit  „Untitled Original 11383“  startet eine Session, die einmal mehr die Leidenschaft und Intensität von Coltranes Musik definiert. Seine energischen, auf dem Sopransax erzeugten Motivfolgen werden durch die perkussive Pianistik, mit der McCoy Tyner sein Solo gestaltet, und die aufwühlenden Einsätze seiner Rhythmusgruppe angetrieben. Garrisons gestrichenes Bass-Solo bringt Zeit zum Durchatmen in das Geschehen, bis er mit wuchtig gezupften Basslinien wieder für einen von dem Saxofonisten inszenierten, furiosen Ausklang sorgt. Für die Ballade „Nature Boy“ greift Coltrane zum Tenorsaxofon. Das Stück stammt von dem amerikanischen Komponisten Ehden Ahbez, der einen Hit für den mit samtiger Stimme intonierenden Sänger und Pianisten Nat King Cole schuf. Damit hat Coltranes Auslegung wenig zu schaffen: In seinem Solo tauchen phasenweise Klangfetzen auf, die an seine Version von „Summertime“ erinnern, wobei die drückende Stimmung eines heißen Sommertags durch Elvin Jones dramatisches Trommelspiel akzentuiert wird. „Nature Boy“ und „Vilia“ sind die beiden Stücke, die nicht von Coltrane stammen. Mit dem zuletzt erwähnten Thema aus der Operette „Die lustige Witwe“ von Franz Lehar – die korrekte Bezeichnung lautet „Vilja-Lied“ – kreiert John Coltrane eine Variante zu seiner erfolgreichen Walzeradaption „My Favorite Things“, mit der er die Führungsrolle im Modern Jazz der 1960er-Jahre übernahm.

Jeder kennt die sich bei einem inneren Monolog einstellende Gedankenflut. Bei dem von Latin-Rhythmen unterlegten, zügig gespielten Blues „Untitled Original 11386“ überträgt Coltrane diesen Vorgang auf eine musikalische Ebene: Wie in einem Zwiegespräch mit sich selbst verlagert er thematische Reflektionen durch tiefe und hohe Lagen seines Sopransaxofons. Das leicht an Miles Davis’ Komposition „So What“ erinnernde  „Impressions“ wurde von Trane erstmalig im November 1961 während seiner phänomenalen Auftritte im New Yorker Village Vanguard aufgezeichnet. Im Kontrast zu dem damals mitwirkenden Multiinstrumentalisten Eric Dolphy entfaltet aber auch die neue Version, die Coltrane im Trio mit seinem Bass- und Drum-Team absolviert, ihre Magie. Jeder der furiosen Chorusse des Saxofonisten wird von Elvin Jones adäquat mit brisanten Beats beantwortet. Wie einfühlsam Coltrane eine der wichtigen Essenzen afroamerikanischer Musik einsetzt, demonstriert er in „Slow Blues“. Gleichzeitig ist das Stück ein Paradebeispiel für die harmonisch anspruchsvolle  Gestaltung seiner Soli. Dazu gehören auch die expressiven, mitunter wie Schreie klingenden Phrasen, womit Trane die Motive in seiner Improvisation dynamisiert. Mit dem schnellen „One Up, One Down“, in dem sich die Protagonisten mit exzellenten improvisatorischen Aktionen hervortun, endet die großartige Session.

Für John-Coltrane-Fans, aber auch für Hörer, denen seine einzigartige Musik bislang noch unbekannt ist, führt an dieser Veröffentlichung kein Weg vorbei. Auf der aus einer CD bzw. einer LP bestehenden Standard-Edition finden sich die hier rezensierten sieben der insgesamt vierzehn Stücke der Session. Bei den jeweils als Deluxe-Edition bezeichneten 2-CD- bzw. 2-LP-Ausgaben sind zusätzlich alternative Takes mit Ausnahme von „Untitled Original 11383“ und „Slow Blues“  zu genießen.

Gerd Filtgen

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John Coltrane | Both Directions At Once: The Lost Album (Deluxe Edition)

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