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Fazil Say | Beethoven: Klaviersonaten Nr.1-32

Das Erste, das uns an dieser – so viel sei vorausgeschickt – erstaunlichen Einspielung überrascht, ist jene milde Mäßigung, jene fast Kempff-haft erfüllte Mitte, die den expressiven Extremen und ungebrochenen Verläufen ausweicht. Der einstige Piano-Draufgänger Fazil Say hat nur noch kurze Gastauftritte in wenigen wild-verwischten Episoden, etwa im Pastorale-Finale. Doch meist bremst, so energisch, so kraftvoll mit der Linken akzentuierend er auch Entwicklungen voranzutreiben vermag, eine fast skeptische und sorgfältige Befragung des Details noch die jugendlichsten Kraftmeiereien wie die Ecksätze des op. 2 Nr. 3.


Das birgt Risiken. Das einleitende Allegro der „Hammerklaviersonate“ changiert zwischen etwas statischer Wucht und luftiger Transparenz, eine Deutungshaltung, die der gewaltigen Auffaltung der Durchführungsfuge ihre Energien weitgehend entzieht. Es wirkt, als wolle ein staunenswert gereifter Künstler nicht nur jeden Hauch reißerischer Unmittelbarkeit vermeiden (sogar das Presto-Wüten am Ende der „Appassionata“ nimmt er sehr zurückhaltend!), sondern den Schein interpretatorischer Selbstgewissheit.

Wir sollen etwas ganz anderes erleben. Says Spiel spiegelt eine Entdeckungs- und Erkenntnislust wider, die uns glauben lässt, Sonatenräume zu betreten, deren unumkehrbare Wendungen noch keineswegs von Tausenden Spielerhänden bis zur Unkenntlichkeit abgegriffen worden sind. Und so ist die Klangoberfläche des Zyklus nirgends von der modischen technokratischen Glätte geprägt, sondern von uneinheitlichstem Relief, das bezeugt, wie klug er das interpretationsgeschichtliche Erbe angenommen hat. Das über anderthalb Jahrhunderte Gedachte und Erspielte schwingt mit. Kein Sonatenentwurf zeigt die Politur scheinbarer Endgültigkeit, manches bleibt im Stadium des nonfinito, gelegentlich gar kokett-unzuverlässig.

Der Presto-Kopfsatz op. 10/3 ist das Musterbild eines Satzes, dessen Gesicht selbstgewiss abschnurrender „Alternativlosigkeit“ eigentlich nur ein Produkt unserer Übervertrautheit ist. Say gestaltet ihn, als erlebe er seine Entwicklung mit der gespannten Aufmerksamkeit eines Entdeckenden, mit jenem staunenden Innehalten und Beleuchtungswechseln an den Scharnieren seiner Struktur. Vollends triumphiert er im Finale, dieser auskomponierten Frage „Wohin führt das?“. Say inszeniert diese Musik der ständigen Anläufe und des ratlosen Verebbens, als erfahre er es auch erst in den letzten Takten. Und wann hat man eigentlich das letzte Mal über die hundertfach gehörte „falsche“ Reprise im Kopfsatz der vorangegangenen F-Dur-Sonate geschmunzelt? Wie macht er das nur?

Say ist aber keinesfalls nur feinsinniger Gestalter der überraschenden Wendung. Selbst die scheinbar harmlosen, „kleinen“ Sonatenerzählungen baut er mit einer liebevollen Sorgfalt sondergleichen auf. Selten hat man die eingeschriebene Quartetttextur des Kopfsatzes der E-Dur-Sonate (op. 14/1) kontrastreicher herausgearbeitet gehört, selten auch jene Gegensätze von kontrapunktischer Verdichtung und freiem, empfindsamen Loslassen in der Durchführung und ihr Reprisen-Nachzittern.

Man müsste weit ausholen, all die zarten und gewitzten Einfälle zu beschreiben, die uns in dieser Einspielung erwarten. Eigentlich jedes Menuett oder Scherzo ist ein launiges Kabinettstück, die langsamen Sätze, dem Topos des Weihevollen abschwörend, gelingen trotz der durchweg flüssigen Tempi und gelegentlich fast schnippischer Abphrasierung meist sehr eindringlich, und es grenzt schon ans Wunderbare, wie anrührend und ungekünstelt Fazil Say das totgespielte Adagio der „Pathétique“ aussingt. Was für ein inspiriertes Musizieren!

Matthias Kornemann

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Fazil Say | Beethoven: Klaviersonaten Nr.1-32

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Beethoven: Klaviersonaten Nr. 1-32; Fazil Say (2018/19); Warner Classics (9 CDs)

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