Charles Lloyd & The Marvels – Tone Poem

Wenn man mit den Ohren das „Kleingedruckte“ lesen könnte, wäre man mit dieser fulminanten Veröffentlichung des Sax-Altmeisters Charles Lloyd reichlich beschäftigt. Denn sie bietet lauter kleine Feinheiten, die sich quasi im Hintergrund abspielen. Und doch fortwährend begeistern. Dabei wagt Lloyd auf „Tone Poem“ den Spagat zwischen radikalem Jazz und leichtgängigem Blue Grass.

Sicher, manches fällt unter Schunkelverdacht, aber die Musiker des Albums, allen voran Bill Frisell, sind zu gut, als dass sie nicht jedem Klischee die Hörner aufsetzen könnten. So trifft hier Ornette Coleman auf Willie Nelson, im Geiste natürlich. Aber Lloyd ist fähig, solch klingende Andersartigkeiten oder stilistische Antipoden zusammenzubinden, sie sich anzueignen, um auf ihnen zu surfen, sodass am Ende immer Charles Lloyd heraustönt.

Dabei geht die Liebe zur Countrymusic nicht, wie man meinen könnte, primär von Bill Frisell aus, sondern entspringt einer frühen Erfahrung des Leaders: „Ich trat regelmäßig in einem Club in Memphis auf, und vor uns spielte immer eine Countryband. Damals freundete ich mich mit einem Steel-Guitar-Player an. Als Bill Frisell das hörte, lud er Greg Leisz auf eines unserer Konzerte ein, und dessen Sound brachte bei mir einen ganzen Reigen an Kindheitsgefühlen wieder hervor.“ Inzwischen ist Leisz festes Mitglied von Lloyds „Marvels“. Aber der kann auch anders: So beginnt der Titelsong „Tone Poem“ als mitreißendes Hardcore-Duo zwischen Drummer Eric Harland und ihm am Tenor und öffnet so eine Reminiszenz an John Coltrane und Elvin Jones. All das wird von Lloyds spirituellem Grundverständnis zusammengehalten: Musik soll als deutlich vernehmbarer Ruf von Wahrheit und Liebe künden. Hier kann man es spüren.

Tilman Urbach

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Charles Lloyd & The Marvels – Tone Poem

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Charles Lloyd & The Marvels: Tone Poem; Charles Lloyd (ts, fl), B. Frisell (g), G. Leisz (steel-g), R. Rodgers (b), E. Harland (dr); Blue Note/Universal

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