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Budapest Festival Orchestra, Ivan Fischer | Brahms: Sinfonie Nr. 3, Serenade Nr. 2

Wie dick ist der Bauch von Johannes Brahms? In der Rezeptionsgeschichte seiner Sinfonien hat sich eine gewisse klangliche Wucht durchgesetzt mit Extremausschlägen etwa bei Daniel Barenboim oder Simon Rattle, der sich mit den Berliner Philharmonikern an den Sinfonien abreagierte wie ein Boxer an seinem Boxsack. Auf der anderen Seite steht die Wiederentdeckung einer deutlich kleineren Besetzung, wie sie bei der Meininger Hofkapelle üblich war, die Brahms so schätzte und für die er seine vierte Sinfonie schrieb. Bei Paavo Järvi etwa mit der Kammerphilharmonie Bremen tritt ein kontrapunktischer Reichtum zu Tage, der vom üppigen Klang eines ungebremsten Sinfonieorchesters leicht zugedeckt wird.

Iván Fischer ist ebenfalls ein Dirigent, der Leichtigkeit und Eleganz liebt. Mit dem Budapest Festival Orchestra hat er einen Klangkörper geformt, der ihm hierin wach und beweglich folgt. Bei der Aufnahme der dritten Sinfonie, mit der die Gesamtaufnahme der Brahms-Sinfonien abgeschlossen ist, nimmt Fischer gleichsam den gesunden Mittelweg, um oft in der goldenen Mitte zu landen. Etwa im melancholisch sich drehenden dritten Satz, bei dem ein unnachahmlich zarter Vergänglichkeitston gelingt: Die große Besetzung der Streicher sorgt für weiche Pastelltöne, die dank Fischers Artikulations- und Phrasierungsarbeit feine Konturen erhalten. Glücklich gehen hier die Möglichkeiten des großen Sinfonieorchesters mit dem Streben nach Durchhörbarkeit zusammen. Dass Fischer gelegentlich zur gestalterischen Übersorgfalt tendiert und dabei in den Tempi generell an der unteren Kante bleibt, kann zu einem gebremsten Eindruck führen, der immerhin in Erinnerung bringt: Egal wie dick der Bauch, Brahms war durchaus ein Komponist sich entfesselnder Energien.

Clemens Haustein

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Musik:
4,00
Klang:
5,00

Brahms: Sinfonie Nr. 3, Serenade Nr. 2; Budapest Festival Orchestra, Ivan Fischer (2020); Channel Classics

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