Anna Vinnitskaya – Chopin: Balladen Nr. 1-4

Die Zeiten nähern sich dem Ende, in denen Rubinsteins prachtvoll leuchtender Positivismus als unbestritten letztes Wort in Sachen Chopin-Interpretation gilt. Zwar erscheinen nach wie vor Aufnahmen von Pianisten, die offenkundig seinem Ideal nacheifern – so beispielsweise Amir Katz oder kürzlich Charles Richard-Hamelin. Aber immer häufiger trifft man daneben auf ein Chopin-Spiel, in dem parallel zu den historisierenden Aufführungspraktiken unserer Tage auch eine „persönlichere“, agogisch freiere und klanglich ausschwingendere Spielart praktiziert wird.

Aktuell die vielleicht schönste, technisch und musikalisch schier vollkommene Veröffentlichung dieser Art brachte jetzt das Pariser Label Alpha Classics mit Anna Vinnitskayas erstem Chopin-Programm heraus. Es kombiniert die vier Balladen mit den vier Impromptus und fesselt bei aller Kontur und Struktur von der ersten bis zur letzten Note durch eine innere Beschwingtheit, die mit schöner Selbstverständlichkeit über alle Höhen und Tiefen der Musik hinwegträgt, dabei auf alle ausgeleierten „romantischen“ Routinegesten verzichten kann und ein Muster an ungebrochen sinnerfülltem Spiel bietet – sogar in den zwei stockenden Takten, in denen das Hauptthema des Fis-Dur-Impromptus op. 36 in überraschendem F-Dur wiederkehrt, sicherlich eine der am schwierigsten in den Griff zu bekommenden Stellen bei Chopin. Mit einem Wort: Müsste ich heute jemandem zehn Platten für die berühmte einsame Insel empfehlen – dieses Album der unprofessoralen Hamburger Klavierprofessorin wäre dabei.

Gut im Raum stehender Klang, aber vielleicht manchem eine Spur zu wenig „brillant“, und auch in diesem Begleitheft bietet die deutsche Übersetzung der französischen Texteinführung wieder einiges an Haarsträubendem.

Ingo Harden

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Anna Vinnitskaya – Chopin: Balladen Nr. 1-4

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Musik:
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Klang:
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Chopin: Balladen Nr. 1-4, Impromptus Nr. 1-4; Anna Vinnitskaya (2020); Alpha Classics

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