Anja Lechner | Schubert: Die Nacht

Man konnte die Vorwürfe schon ahnen, bevor die CD überhaupt im Internet zum Kommentieren freigegeben war: Weichgespülte, gefällige Wellnessmusik würden Anja Lechner und Pablo Márquez produzieren. Solche Kritik ist erstens wohlfeil und zweitens ungerecht. Sie wirft Musikern vor, dass sie an Ansprüchen scheitern, die sie gar nicht erfüllen wollten.

Lechner am Cello und Márquez an der Gitarre spielen Nocturnes von Friedrich Burgmüller, Transkriptionen von Schubert-Liedern und Schuberts Arpeggione-Sonate. Die Musik dringt wie durch einen Schleier zum Hörer. Die Interpretation ist frei von jeder Aggression. Selbst die virtuosesten Stellen der Sonate klingen melodiös. Die Musiker spielen selten lauter als mezzoforte und selten leiser als mezzo-piano. Natürlich könnten Lechner und Márquez lauter und leiser spielen, wenn sie das vorhätten. Aber sie wollen Schuberts Musik gar nicht bis zur größten Wut und zur tiefsten Verzweiflung ausreizen.

Der Reiz dieser CD besteht im Klang und in der Stimmung, die sie vermittelt. Die ungewöhnliche Besetzung mit Cello und Gitarre trägt einen großen Teil dazu bei. Márquez ersetzt das Klavier in der Sonate so, dass man es nicht vermisst. Er eröffnet auch neue Perspektiven auf das Werk. Was dem Gitarrenklang an Lautstärke und Klarheit fehlt, macht er durch Unmittelbarkeit wett: Man hört deutlich, dass der Klang an der Gitarre direkt mit den Fingern erzeugt wird, nicht über den Umweg von Hebeln und Hämmern wie am Klavier. Die Gitarre klingt natürlicher. Mit dem sanften Celloton von Anja Lechner ergibt sich ein meditativer, manchmal hypnotischer Klang, als würde man die Musik nicht hören, sondern träumen.

Diese Herangehensweise mag nicht dem Mainstream in der Interpretation romantischer Musik entsprechen, aber sie hat ihre Berechtigung. Wem sie zu gleichförmig ist, dem stehen Dutzende andere, dramatischere Interpretationen der Sonate zur Verfügung.

Ole Pflüger

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Anja Lechner | Schubert: Die Nacht

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Schubert: Die Nacht. Arpeggione-Sonate, Lieder; Friedrich Burgmüller: Nocturnes; Anja Lechner, Pablo Márquez (2016); ECM