Martha Argerich

Phantom und Phänomen

Unbestechlich in ihrer Kunst, unergründlich in ihrem Wesen. Martha Argerich hat sich nie von der Musikwelt vereinnahmen lassen und stattdessen ihren eigenen Weg gesucht. Nun wird
die Ausnahme-Pianistin 80 Jahre alt.

Von Christoph Vratz

Eine Sphinx. Sie kann alles sein. Diva und Divo, launisch und göttlich. Herzlich und unnahbar. Zahm und kratzig. Ergeben und unberechenbar. Ein Leben zwischen Krisen und rührender Hilfestellung, zwischen chronischer Sorge und angstvoller Zuwendung.

Wer, wie wir, die wir über sie schreiben und berichten möchten, sich ihr nähern darf, weiß nie, was kommt. Hat sie ein Interview zugesagt, kann es sein, dass man tausende von Flugkilometern absolviert, um dann zu hören: Sie will nicht, tut uns leid! Oder man muss sich mit betont einsilbigen Sätzen zufriedengeben, die niemanden zufriedenstellen können. Oder fast wider Erwarten dann doch kleine, prägnante Hilfestellungen, die kurze Einblicke gewähren. Doch sie, die Sprachgewandte, sagt immer nur wenig, am wenigsten über sich. Einer ihrer ehemaligen Agenten hat einmal den vielsagenden Satz formuliert: „Martha hat alles getan, ihre Karriere zu ruinieren, aber es ist ihr nie gelungen.“ Auch das Wort vom „monstre sacrée“, dem heiligen Monster, kursiert ­bisweilen.

Die wichtigste Geschichte aus ihrer Anfangszeit ist oft erzählt worden. Die junge Martha, die Hoch- und Frühbegabte aus Buenos Aires, angetrieben durch ihre Mutter Juanita, lernt als Mädchen Friedrich Gulda kennen. Er, der Exot, der sich allem Regelhaften erfolgreich und mit Wiener Schmäh widersetzt, trifft während einer Südamerika-Tour auf „Marthita“, die – als sie ihm vorspielen soll – keinen Ton aus dem Klavier herausbekommt. Doch Gulda bietet ihr an, sie zu unterrichten, in Wien! Doch dafür fehlt das Geld. Erst als der damalige argentinische Staatspräsident sich einsetzt, kann die Familie nach Europa übersiedeln. Nun wäre Gulda nicht Gulda, und Argerich nicht Argerich, wenn sich daraus ein klassisches Lehrer-Schüler-Verhältnis ergeben hätte. Hier trafen sich zwei, die Misstrauen gegenüber dem Musikbetrieb hegten und pflegten. Zugleich Tüftler, die in allen musikalischen Dingen rigoros vorgehen und sich gegenseitig inspirieren konnten. Wer, wenn nicht Gulda, durfte sie eine „Wilde“ nennen, eine „Verrückte“? Wer, wenn nicht Gulda, durfte sie ungalant fragen, mit wem sie gerade das Bett teile, um anschließend vielsagend tuschelnd die Botschaft zu verbreiten?

Noch etwas bringt Argerich aus Buenos Aires mit: die Bekanntschaft mit einem fast Gleichaltrigen: „Ich war damals sieben, sie acht Jahre alt“, hat Daniel Barenboim einmal erzählt, „und wir haben, wie es Kinder tun, unter dem Klavier gespielt“. Zwei Sonderbegabungen unter einem Resonanzboden vereint. Heute sind sie wieder des Öfteren vereint, oberhalb des Resonanzbodens, als vierhändiges Duo … In Europa setzt jedoch nach ihrer Erstankunft ein Prozess des plötzlichen Sich-Verkrümelns ein. Martha Argerich wird immer wieder von der ihr eigenen Scheu erfasst, etwa als sie einen Termin mit der EMI und Walter Legge sausen lässt oder als sie ein Vertragsangebot der Deutschen Grammophon zurückweist. Veranstalter und Intendanten erzählen bis heute davon, dass sie nie ganz sicher sein können, ob Argerich tatsächlich gleich eine Bühne betritt oder ob doch ihre Zweifel im letzten Moment siegen und sie den Rückzug antritt.

Argerich ist rastlos, sie zieht in die Schweiz, später nach London, Paris, Brüssel. Vor allem aber zieht sie sich immer wieder zurück. Als 16-Jährige will sie nicht als Wunderkind auf dem Konzertsilbertablett herumgereicht werden, sie sucht neue Impulse. Bei Madeleine Lipatti, Nikita Magaloff, Arturo Benedetti Michelangeli (die Lektion hat wohl nie stattgefunden), Stefan Askenase – und sie fliegt nach New York zu Horowitz, der ihr jedoch die Audienz verweigert. Nach mehrjähriger Abstinenz meldet sie sich 1965 zurück: Sie gewinnt den Warschauer Chopin-Wettbewerb und knapp 2000 Dollar. An selber Stelle sorgt sie 1980 wieder für Schlagzeilen: …


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juli 2021

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