Chet Baker

Gefallener Engel mit himmlischem Klang

In den 50er-Jahren war der Trompeter und Sänger Chet Baker nicht nur in Amerika der Traum aller Schwiegermütter. Dann verfiel er den Drogen und mutierte in Europa zum berüchtigten Luxus-Landstreicher. Am 23. Dezember 1929 kam der legendäre Jazzstar in einem Dorf mitten im Wilden Westen zur Welt.

Die Nachzeichnung eines bewegten Lebens von Sven Thielmann.

Wenn man Herbie Hancock glauben will, verdankt eine ganze Generation von Amerikanern dem Trompeter Chet Baker ihre Existenz. Denn dessen Musik habe so manche Liebesnacht in den Fifties begleitet. War der am 23. Dezember 1929 in Yale, Oklahoma geborene Chesney Henry Baker Jr. damals doch der Superstar des Jazz schlechthin. Fotografisch perfekt inszeniert von William Claxton als jazziges Ebenbild von James Dean, stand der jungenhafte Bläser und Sänger jahrelang an der Spitze aller einschlägigen Polls. Und zwar vor Miles Davis, was diesen furchtbar fuchste. So befand er über die schwer ansagten West-Coast-Jazzer: „Es kam nichts Neues von ihnen, das wussten sie, und in dem, was gerade angesagt war, waren sie auch noch nicht mal die Besten. Was mich aber noch mehr ärgerte, waren die Kritiker, die jetzt dauernd von Chet Baker in Gerry Mulligans Band redeten, als wäre Jesus Christus noch mal auferstanden.“

 Begegnet waren sich der aus New York per Anhalter nach Los Angeles gekommene Baritonsaxofonist und der Trompeter das erste Mal am 16. Juni 1952 im Club The Haig, einem umgebauten Bungalow mit gerade mal Platz für 85 Zuhörer. Mulligan gefiel, was er dort von Chet hörte, und so beschloss man, ein gemeinsames Projekt zu starten. Auch wenn die ersten Proben nicht berauschend waren, gelang es dem Bandleader doch, für Montagabends einen festen Gig in dem winzigen Club zu ergattern. Dessen Platzmangel sollte sich als Glücksfall erweisen. Denn weil der vorher auftretende Red Nervo kein Piano brauchte, verschwand das einfach in einem Abstellraum.

Die beiden Bläser waren sich rasch einig: Wir probieren es ohne Klavierbegleitung, nur mit Schlagzeug und Bass. Was nach einigen Startschwierigkeiten derart gut funktionierte, dass man bereits im August mit „Lullaby of Leaves / Bernie’s Tune“ die erste Single aufnahm. Ein Überraschungserfolg, der dem Gerry Mulligan Quartet ein Engagement in San Francisco einbrachte. Im Oktober – da war Chets allererste Version von „My Funny Valentine“ (sein Lifetime-Superhit) schon eingespielt – kehrte man ins The Haig zurück. Was für vier Wochen geplant war, wurde immer wieder auf schließlich sechs Monate verlängert. Die Band war die Sensation der Stadt, und meist drängten sich noch mehr Leute vor dem Club als drinnen, um die filigranen Dialoge von Gerry Mulligan mit Chet Baker zu hören.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2020

 

 

 

 

          

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Hörtipps

Von Chet Baker gibt es weit über 500 Aufnahmen unter eigenem Namen, die teilweise in Dutzenden Varianten erhältlich sind. Weshalb ausschließlich die Label der Erstveröffentlichung genannt sind. Die späten 60er- und die gesamten 70er-Jahre sind leider von extrem schwankender Qualität geprägt und deshalb hier ausgeklammert.

4 Bilder

Chet Baker Quintet with Strings (1953)
Chet Baker and Strings (Columbia CL 549)
Chet Baker Quartet (1954)
Chet Baker Sings (Pacific Jazz PJ 1222)
Chet Baker/Russ Freeman Quartet (1956)
Quartet: Russ Freeman Chet Baker (Pacific Jazz PJ 1232)
Chet Baker (1962)
Chet Is Back (RCA CL 31649)
Chet Baker/Philip Catherine/Jean-Louis Rassinfosse (1983)
Crystal Bells (Igloo Jazz Classics IGL 034)
Chet Baker & Paul Bley (1985)
Diane (SteepleChase SCCD 31207)
Charlie Haden/Chet Baker /  Enrico Pieranunzi / Billy Higgins (1987)
Silence (Soul Note SN 1172)
Chet Baker/Harold Danko / Hein Van De Geijn/ John Engels (1987)
Chet Baker in Tokyo – Memories (Paddle Wheel K32Y 6270)
Chet Baker in Tokyo – Four (Paddle Wheel K32Y 6281)
Chet Baker/NDR Bigband/ Radio Orchester Hannover (1988)
My Favorite Songs: The Last Great Concert (Enja ENJ 5097-2)
Straight from the Heart: The Last Great Concert, Vol. 2 (Enja ENJ 6020-2)

Komplette Diskografie:
www.chetbaker.net/discography/

Bücher

Chet Baker: „Als hätte ich Flügel – verlorene Erinnerungen“, Hannibal 1998

Jeroen de Valk: „Chet Baker“, Oreos Collection Jazz 1991

Lothar Lewien: „Chet Baker Blue Notes – Engel mit gebrochenen Flügeln. Eine Hommage“, Hannibal 1991

Ingo Wulff (Hrsg.): „Chet Baker in Europe. 1975-1988“ Nieswandt Verlag 1993

Bill Moody: „Auf der Suche nach Chet Baker“, Unionsverlag 2012

Marco Di Grazia / Cristiano Soldatich: „Cinque minuti due volte al giorno“, Shockdom 2019

Videos

Bruce Weber: „Let’s Get Lost“, DVD 1988

Chet Baker Live in Tokyo • Juin 1987, Video auf youtube

Robert Budreau: „Born to Be Blue“, DVD 2015