Piotr Anderszewski

„Ich habe viel Zeit gebraucht Bach für mich zu entdecken

Sollte man das Muster­bild des aufrichtigen, bescheidenen, allen Markt-Einflüsterungen abholden Künstler-Individualismus suchen, es fiele einem kaum ein besserer
Kandidat als Piotr Anderszewski ein. Unbeirrt, ein fast mönchisch-asketisches Leben führend, folgt er seinem ästhetischen Kompass. Wie auch seine neueste Aufnahme bezeugt.

Von Matthias Kornemann

Sie legen uns hier ein sehr unkonventionelles Bach-Programm vor. Wie kam es dazu?
Das ist eine lange Geschichte. Mit dem Wohltemperierten Klavier begann ich vor ungefähr 18 Jahren, und ich wollte es eigentlich vollständig einstudieren. Ich fing mit dem zweiten Teil an, aber als ich vielleicht acht Präludien und Fugen erarbeitet hatte, spürte ich, dass ich diese Musik im Konzert nicht in der vorgegebenen Reihenfolge würde spielen können. Für mich waren es von Anfang an sozusagen separate Werke. Und so ließ ich das Ganze erst einmal liegen. Aber ich hatte einen Mitschnitt gemacht. Vor drei Jahren kam ich auf die Idee, einmal hineinzuhören – das tue ich eigentlich niemals – und fühlte, ich darf das Projekt nicht aufgeben. In meinem Spiel war etwas, das es wert war, vertieft zu werden. Aber warum mich mit allen 24 abgeben? Warum nicht zwölf aussuchen, diejenigen, die ich am meisten mag, und versuchen, daraus einen kleinen dramatischen Zyklus zu machen? Es kostete mich nahezu drei Jahre, zu entscheiden, welche Stücke ich aufnehmen soll und in welche Reihenfolge ich sie bringe.

Ein derart freier Umgang mit Bachs Werk dürfte manchen Puristen missfallen.
Ich bin selber ein ausgesprochener Purist! Manchmal sogar zu sehr. Bei den meisten Chopin-Mazurken zum Beispiel spiele ich immer das ganze Opus. Es gibt Werke mit einer Anordnung, von der man spürt, so und nicht anders muss es gespielt werden. Hier ist das anders. Generell hat man den Eindruck, diese Stücke sind keineswegs für einen öffentlichen Vortrag geschaffen, und ich denke auch nicht, dass dieser zweite Teil angelegt ist, von C-Dur nach h-Moll durchgespielt zu werden. Ich sehe keine Evolution, sei es bei der Dramaturgie oder der Schwierigkeit. Die Anordnung erscheint mir als pure Zufälligkeit oder Formalität. Warum soll ich sie dann so spielen? Das ist meine ganz persönliche Sicht. Natürlich kann ich falsch liegen. Ich habe mir diese Freiheit genommen, und ja, es mag Leute geben, die nicht meiner Meinung sind. Der zweite Teil ist ohnehin viel heterogener, die Stücke liegen chronologisch weiter auseinander.
Ein wichtiger Aspekt. Im Gegensatz zum ersten Teil kennen wir die Genese des zweiten nicht so genau. Manche Stücke, wie das G-Dur-Präludium,  sind vermutlich sehr früh entstanden, einige der komplexesten wie die Präludien und Fugen in cis- und b-Moll sicherlich Spätwerke. Jedenfalls ist das Ganze wesentlich weniger homogen als der erste Teil.

Sind Sie bei Ihrer Annäherung ähnlich frei, was den Stil angeht? Ich denke, dass die Musizierpraxis des 19. Jahrhunderts noch immer großen Einfluss auf das Bach-Spiel auf dem modernen Flügel hat, auch wenn das nicht jedem Spieler bewusst ist.
Wie gesagt, ich bin ein Purist, auch was das angeht. Natürlich besteht eine Schwierigkeit darin, dass der Notentext so unbezeichnet ist. Es gibt nur sehr wenige Stücke, wo Bach etwas schreibt – im g-Moll-Präludium einmal „Largo,“ und das ist ausgesprochen ungewöhnlich. Tempo, Artikulation und Charakter hat man intuitiv zu erspüren, und es ist eine sehr subjektive Entscheidung. Manche Fugen kann man sehr schnell spielen, andere langsam. Es bedarf der Intuition und einer guten Repertoirekenntnis, aber ebenso des sicheren Stilempfindens. Die letzte Fuge in h-Moll zum Beispiel ist eindeutig ein Passepied, ein Tanz also. Und der Passepied hat für mich ein bestimmtes Tempo und einen ebenso bestimmten Charakter. Nimmt man die F-Dur-Fuge, hat man eindeutig eine Gigue vor sich, und das Präludium ist sichtlich ein Orgelstück, mit langen Pedalnoten. Es gibt Stücke wie die E-Dur-Fuge, die mit Sicherheit chorisch gedacht sind und aus einer Kantate stammen könnten. Andere wie das dazugehörende Präludium gleichen Triosonaten. Auch kontrapunktische Übungen sind darunter. Musik, die wirkt, als solle man sie mit Freunden musizieren, um zu vergleichen, wie Bach die Fugen behandelt. Kurz, die Stücke sind unglaublich verschieden, was Textur oder Charakter angeht.

 


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Februar 2021

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