Philippe Jaroussky

„Ich bin eher Musiker als Sänger“

Philippe Jaroussky ist nicht erst seit der Eröffnung der Elbphilharmonie der wohl bekannteste Countertenor der Gegenwart. Im Interview spricht er über den näher kommenden Abschied vom Singen – und warum Countertenöre immer noch Außenseiter sind.

Von Kai Luehrs-Kaiser

Herr Jaroussky, von allen Countertenören hatten Sie stets die vielleicht zarteste, fragilste, weichste Stimme. Gefällt Ihnen das?
Unbedingt. Zartheit und Fragilität können eine Qualität sein, allerdings auch eine Grenze oder sogar Gefahr. Und gerade darin liegt wahrscheinlich das Gute! Ich kämpfe seit 20 Jahren darum, meiner Stimme noch mehr Farben zu verleihen. Gelobt wird man dann trotzdem immer für dieselben Farben, die man immer schon hatte und für die man bekannt geworden ist. Das ist auch der Grund dafür, weshalb ich immer noch einen Lehrer brauche. Es geht darum, der Stimme mehr Körper zu geben. Festigkeit hat sie – für meinen Geschmack – genug.

Sie haben immer noch einen Lehrer?
Um mich weiterzuentwickeln. Man muss bedenken, dass ich erst mit 18 angefangen habe zu singen. Viele meiner Kollegen und Freunde, zum Beispiel Max Emanuel Cencic oder Bejun Mehta, waren dagegen schon als Kinder berühmt. Ich bin eher Musiker als Sänger. Ich war niemals ein sehr physischer Künstler, sondern immer ein bisschen intellektuell. Eines aber ist völlig klar: Wäre ich so fragil wie es dem Publikum erscheint, dann wäre ich schon längst weg vom Fenster.

Welche Farben sind es, an denen Sie arbeiten?
Klare Farben. Es kommt vor allem darauf an, dass die Seele, wenn ich so sagen darf: die Farben „stützt“. Es gibt nämlich eine Ehrlichkeit – und folglich auch eine Unehrlichkeit – der Farben. Letztere muss man vermeiden. Dafür sind Leichtigkeit und besonders Klarheit die Eigenschaften, die ich mir wünsche. Ich möchte eigentlich immer, wahrscheinlich weil ich es nie war, fast wie ein Knabensopran sein. Ich glaube nämlich, dass ich singe wie ein erwachsenes Kind. Und ich finde, ich bin auch sogar noch ein bisschen knabenhaft. Wissen Sie, was ich ­meine?

Durchaus. Wie kriegen Sie das hin?
Vor allem wohl, indem ich, gesteh’s ich nur, eine größere Stimme vorzutäuschen versuche als ich wirklich habe – und mich entsprechend in die Brust werfe. Meine Stimme ist etwas kleiner als etwa die von Bejun Mehta oder David Daniels. Fragilität, die Eigenschaft, nach der Sie fragen, berührt mehr – mich jedenfalls – als jeder vokalvirtuose Kraftakt. Sie zeigt mehr innere Stärke.

Wie bewahren Sie sich Ihr knabenhaftes Timbre?
Gute Frage, da ich als Knabe kaum gesungen habe. Auf dem Konservatorium habe ich Violine gespielt. Trotzdem bin ich überzeugt, dass das Geheimnis eines Countertenors darin besteht, den Kontakt zur Kindheit nicht zu verlieren. Die Antwort wäre also: Ich bin unreif im Kopf, wenn ich singe.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe März 2021

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