Hille Perl

Verliebt in die Gambe

Ob solo, im gemischten Ensemble oder im Consort: Wenn man an die Gambe denkt, kommt einem unweigerlich Hille Perl in den Sinn.

Von Klemens Hippel


Das Telefon hat kaum Gelegenheit zu klingeln, da ist Hille Perl schon am Apparat. So munter und präsent, dass sogar ein Telefoninterview ein Vergnügen ist. Ihre junge, fröhliche Stimme erklingt aus ihrem Bauernhaus in der Nähe von Bremen, wo sie seit 2002 an der Hochschule unterrichtet.

Frau Perl, ich habe in einem Interview von 2017 ihre Vision gefunden: Es wird ein Jahr nichts Neues produziert, wir bleiben alle zu Hause, essen unsere Vorräte auf ...
So ist es! Ich propagiere diese Idee eines globalen Sabbaticals tatsächlich seit ein paar Jahren, aber dass es nun plötzlich so gekommen ist, ist mir selber natürlich ein bisschen unheimlich.

Können Sie die Zeit denn auch etwas genießen, oder ist es nur schrecklich?
Die ersten zwei Wochen fand ich furchtbar, weil ich direkt aus einer Tour gerissen wurde und innerhalb von Tagen Dutzende Konzerte wegbrachen. Viele Kollegen sind richtig in Panik geraten. Ich selbst nicht, ich habe ja eine halbe Professur und verliere nicht Haus und Hof deswegen. Aber für Musiker wie meine Nichte Sarah mit drei Kindern und meine Tochter Marthe mit vier Kindern war das auch ein finanzieller Schock. Auch für meine Studierenden musste ich viel telefonieren und Hilfsfonds angraben. Aber nachdem jetzt die größte Not für den Moment abgewendet ist, finde ich es auch toll, dass eine große Ruhe eingekehrt ist. Diese Art von Ruhe und so viel Zeit hatte ja niemand bisher. Das muss man auch nutzen und in sich reinschauen, was da passiert. Dann kann das zu einer gesellschaftlichen Entwicklung führen, nicht nur zu Trauer und Verlust – obwohl das natürlich eine gesundheitliche Bedrohung ist, viele Menschen sind gestorben. Keiner weiß, wie es weitergeht. Aber es ist nicht nur schlimm. Ich finde zum Beispiel toll, dass diese neurotische Rumfliegerei durch die ganze Welt aufhört, die ich schon seit 2003 nicht mehr mitmache. Ich fliege nur noch einmal im Jahr nach Übersee, das ist für Musiker wenig. Vor zwei Jahren war ich in Korea, letztes Jahr in Kanada, und dieses Jahr hätte ich nach Japan fliegen sollen. Das ist abgesagt, aber komischerweise finde ich das nicht so schlimm. Den Kontakt zum Publikum vermisse ich sehr, und mit den Kollegen versuche ich jetzt Online-Probenplattformen zu entwickeln, damit man sich täglich treffen und zwei Stunden miteinander Musik machen kann. Aber ich muss sagen, ich bin auch ganz gerne zu Hause.

 


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juli 2020

Aktuelle CD

Ballads within a dream.
Werke von Blow, Eccles, Finger, Pilkington, Purcell, Simpson und Traditionals;
Andreas Arend, Hille Perl, Veronika Skuplik, Clare Wilkinson (2019);
dhm/Sony