Isabelle Faust

Entspannte Akribie

Isabelle Faust stellt sich erneut der Herausforderung Bach. Dabei stellt sie dessen Violinkonzerte in ein ungewohntes Umfeld.  

Von Christoph Vratz

Geiger und Cellisten könnten einen Chor bilden und unisono singen: Die Solowerke, die Johann Sebastian Bach für uns komponiert hat, sind der „Mount Everest“ unseres Repertoires. Geiger gehen mit dieser Herausforderung unterschiedlich um: Die einen schlagen, ehrfürchtig und respektvoll, einen großen Bogen um die Sonaten und Partiten – wie Frank Peter Zimmermann. Die anderen stellen sich der Aufgabe im Abstand mehrerer Jahre mehrfach – wie Christian Tetzlaff. Isabelle Faust entschied sich, die sechs Werke in zwei Etappen aufzunehmen, 2009 und 2012 – nicht ganz freiwillig, wie sie heute gesteht: „Damals kamen viele Menschen aus meinem Umfeld auf mich zu und meinten, nun seien diese Werke doch einmal fällig, und so habe ich mich ein bisschen überreden lassen.“
Damals sagte sie, die Größe dieser Musik sei „nicht in analytischen Formeln zu begreifen. Auch nach dem Studium aller Komponenten steht der Interpret fassungslos und oft auch ratlos vor einem derartigen Meisterwerk.“ Inzwischen hat sie die sechs Solowerke auch etliche Male im Konzert gespielt.

Frau Faust, bei Bach herrscht immer eine spezielle Atmosphäre im Raum. Das Publikum ist besonders andächtig. Warum?
Ich glaube, dass das Publikum bei dieser Musik einerseits versucht, sozusagen mit auf die Bühne zu kommen und tief in die Materie einzudringen. Andererseits muss jeder Hörer tief und intensiv in sich selbst hineinhören. Ich glaube, in uns Menschen löst diese Musik sehr viele Klänge, Eindrücke, Farben und Bilder aus – und eben Stille.

Ist das bei einem Solokonzert intensiver, als wenn ein Orchester Bach spielt?
Ich möchte nicht vergleichen. Ich kann nur aus meinen Erfahrungen heraus behaupten, dass sich bei den Sonaten und Partiten der Charakter des Konzentrierten, der ja in Bachs Musik einkomponiert ist, auch auf die Zuhörer überträgt. Diese Konzen­triertheit der Werke selbst spiegelt sich in der Konzentration des Publikums. Die Situation ist ja folgende: Ein einziger Musiker auf der Bühne spielt auf einem einzigen Instrument, das wegen der polyfonen Anlage der Werke erscheint wie viele verschiedene Instrumente, die zu einem vereint sind. Der sehr innige Dialog über einen ganzen Abend hinweg – mit der Musik, mit dem Komponisten, mit dem einen Instrument und mit sich selbst –, das macht das Besondere aus.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Mai 2019

Aktuelle CDS

Bach: Violinkonzerte BWV 1042, 1043, 1052, 1056,
Konzert BWV 1060 für Oboe, Violine und Streicher,
Triosonaten BWV 527, 529 u. a.;
Isabelle Faust, Xenia Löffler,
Akademie für Alte Musik Berlin (2018);
harmonia mundi (2 CDs)