Christiane Karg

Eine ArtGesamtkunstwerk

Auf ihrer neuen CD singt Christiane Karg Lieder von Gustav Mahler. Und lässt sich beim „Himmlischen Leben“ vom Meister selbst begleiten.

Von Arnt Cobbers


Noch einen Tag vor dem Interview ist nicht klar, ob Christiane Karg überhaupt anreisen kann zu ihrem Mahler-Abend beim Lausitz-Festival. Sie hat in Genf gesungen und musste sich nun einem Corona-Test unterziehen. Erst am späten Abend kommt das Ergebnis: Sie hat das Virus nicht. Es sind außergewöhnliche Zeiten, und so spielt Corona immer wieder eine Rolle in unserem Gespräch in einem Cottbusser Hotel. Dabei erweist sich die Sopranistin, die vor kurzem mit Mann und Kind aus Berlin zurück in ihre Heimatstadt Feuchtwangen gezogen ist, als sehr nette, lebhafte und ganz unglamouröse Gesprächspartnerin.

Frau Karg, wie ist es, von Gustav Mahler selbst begleitet zu werden?
Als ich das Welte-Piano das erste Mal gehört habe – ich kannte das Instrument gar nicht –, bekam ich eine Gänsehaut. Das war unbeschreiblich, weil es nicht verzerrt oder alt klingt, sondern unser moderner Ton ist – und trotzdem wie von Geisterhand gespielt. Das war in Brügge, ich war mit Iván Fischer und dem Budapest Festival Orchestra auf Tour. Wir haben Mahler 4 gemacht, und ich wurde gefragt, ob ich nicht den letzten Satz, das „Himmlische Leben“, zusätzlich mit Begleitung des Welte-Pianos singen wolle. Ich hab es mir im Internet angehört, das ist ein bisschen holprig, aber ich sagte: Ja, das krieg ich schon hin. Und dann war die Probe, abends, es war regnerisch, ich war müde – und plötzlich lag dieser Zauber in der Lauft, das hat mich komplett in Bann geschlagen. Daraus hat sich die Idee für die CD ergeben. Ich dachte, das muss ich aufnehmen. Und Lieder von Mahler finde ich sowieso großartig.

Wie war das technisch im Konzert und im Studio? Das Welte-Piano läuft vor sich hin, und sie stehen davor und singen?
Im Konzert war es so. Das Publikum war auch sehr aufmerksam, das hat super funktioniert. Im Aufnahmestudio, muss ich zugeben, haben wir ein bisschen getrickst. Die Welte-Maschine hat eine gewisse Lautstärke, deshalb haben wir erst das Klavier aufgenommen, und ich habe dann zum Band gesungen. Man konnte ja damals nicht schneiden, deshalb gibt es auch einige total falsche Töne. Mahler hat sich da 1905 in Leipzig wohl auf der Durchreise hingesetzt, das eingespielt und ist wieder gegangen. Das zeigt, dass man damals mit der Musik mehr als Gebrauchsmusik umgegangen ist.

Mussten Sie es anders singen als sonst?
Völlig anders! Die Tempi variieren, er wird mal schneller, mal langsamer. Ich bin sicher, wenn eine Sängerin dabei gewesen wäre, hätte er das ganz anders gemacht. Aber was interessant ist: Es gibt eine Stelle, „Sankt Lucas den Ochsen tut schlachten“, wo er so langsam wird und diese Dissonanz wirklich auskostet, das hatte ich nie so gehört, und seitdem mache ich Dirigenten und Pianisten darauf aufmerksam, dass man sich da ein bisschen mehr Zeit nehmen könnte.

Aber die Temposchwankungen waren doch wohl zeittypisch.
Das ja. Heute ist unser Geschmack so, dass das Tempo bleibt, bis ein neues angegeben ist – wir sehen das sehr absolut. Ich denke, davon muss man sich ein bisschen befreien. Und die Aufnahmen haben mir wieder gezeigt, dass das geht.

 


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Dezember 2020

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