Annika Treutler

Die Kraft der Musik

Ihr letztes Album war im Januar 2020 aus Anlass des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz erschienen. Seither ist auch der Öffentlichkeit klar, wie wichtig der Pianistin Annika Treutler die Musik der von den Nationalsozialisten verbannten Komponisten ist, allen voran: Viktor Ullmann.

Von Christoph Vratz


Darf man Ihren Einsatz für die Musik von Viktor Ullmann als eine Art Herzensprojekt bezeichnen?
Auf jeden Fall! Es ist ein Projekt, das mir entspricht und mich auch als Mensch berührt und begleitet.

Inwieweit kann einer jungen Pianistin von heute ein Projekt über die Zeit des Nationalsozialismus „entsprechen“?
Ich bin in Deutschland aufgewachsen und habe mich immer, auch aufgrund meiner Erziehung, mit der Geschichte des Landes beschäftigt und auch identifiziert, einschließlich der Frage nach Schuld. Das hat mein Verantwortungsbewusstsein geschärft. Bei einem Symposion im Rahmen des Kryzowa Music Festivals wurde vor einigen Jahren über die Frage diskutiert, inwieweit Musiker politisch sein können, oder umgekehrt, ob Musiker unpolitisch bleiben sollten. Dabei kam es zu einer angeregten Diskussion mit über 50 Musikern aus der ganzen Welt, und ich habe die ganze Zeit über schweigend dagesessen und gemerkt, dass ich keine richtige Haltung dazu hatte. Im Nachgang hat diese Frage mich umso intensiver beschäftigt und führte schließlich zu diesem Projekt.

Mit der Musik von Viktor Ullmann sind Sie aber schon deutlich früher in Verbindung gekommen.
Mit 17 Jahren bin mit dem heutigen „Zentrum für Verfemte Musik Schwerin“ auf Konzertreisen nach Israel und Amerika gegangen. Die Begegnungen mit Zeitzeugen und mit der Musik, in Kombination mit dem Wissen um die geschichtlichen Hintergründe, haben einen ungemein starken Eindruck auf mich hinterlassen.

Sie haben auch die Pianistin Edith Kraus kennengelernt, die unter anderem in Theresienstadt die sechste Klaviersonate von Viktor Ullmann aufgeführt hat.
Leider fand die Begegnung zu einem Zeitpunkt statt, als ich noch nicht ahnen konnte, wie tief mich das ganze Thema noch einmal beschäftigen würde. Insofern konnte ich ihr nicht die Fragen stellen, die ich ihr heute stellen würde, zu Viktor Ullmann und allgemein zum damaligen Leben in Theresienstadt. Was mich damals an ihr beeindruckt hat, waren die Kraft und Größe, die Edith Kraus wie auch die anderen Zeitzeugen ausgestrahlt haben.

Sie haben eben den Begriff Schuld erwähnt. Hat sich dieses Gefühl während Ihrer Reise vor knapp 14 Jahren erhärtet?
Ich war vielmehr überrascht, mit wie viel Offenheit mir 2007 Gleichaltrige in Israel begegnet sind. Das war ein großes Glück, zumal ich das so nicht erwartet hatte. Es zeigte mir aber, dass auch die junge Generation dort inzwischen ein modifiziertes Verhältnis zu dem Thema hat.

 


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2021

Termine

(geplant)
18.12.2020, Kempen, Paterskirche

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