Tabea Zimmermann

Alles, nur keine Berieselung

Die Preisverleihung ist verschoben, doch die Tatsache bleibt: Tabea Zimmermann erhält als erste Bratschistin den Ernst-von-Siemens-Musikpreis.

Von Susanne Ziese


Sehen Sie mich, oder ist das zu viel Gegenlicht?“ Obwohl Tabea Zimmermann und ich für Berliner Verhältnisse Nachbarn sind, zwingen uns die Corona-Kontaktbeschränkungen dazu, das Interview per Videotelefonat zu führen. „Ich könnte auch ins Musikzimmer gehen, aber da ist das Internet so schlecht. Ich bleibe besser hier auf meinem Telefonsofa sitzen.“ Eigentlich hätte die 53-jährige Bratschistin heute in den USA sein sollen, auf einer Tournee mit dem Pianisten Javier Perianes. Nun praktiziert auch sie in ihrer von der Frühlingssonne erhellten Schöneberger Wohnung „social distancing“.
„Ich hatte mich sehr auf diese Tournee gefreut, aber noch genieße ich die Zeit zu Hause. Ich lege allerdings großen Wert darauf, eine Routine beizubehalten. Mein Wecker klingelt wie immer um halb acht, und ich möchte auch nicht ungewaschen in Jogginghose zu Hause rumsitzen, nur weil keiner vorbeikommt.“ Rumsitzen ist ohnehin nicht ihre Sache. „Ich experimentiere schon die ganze letzte Woche damit, wie ich meine Studenten an der Hochschule online unterrichten kann. Mein Sohn hat mir hier ein kleines Heimstudio eingerichtet, und ich bereite nun jeden Tag kleine Übevideos vor.“
Im Januar erhielt Tabea Zimmermann die Nachricht, dass ihr der renommierte und mit 250.000 Euro dotierte Ernst-von-Siemens-Musikpreis verliehen wird. „Ich freue mich ungemein über diese Auszeichnung und sehe das als bestätigenden Rückenwind für das, was ich in den letzten Jahren gemacht habe. Angesichts der aktuellen Situation relativiert sich die Euphorie natürlich. Corona ist eine große Fermate für alle, und man wird sehen, was wird.“
Als erste Bratschistin überhaupt erhält sie den „Nobelpreis der Musik“ – und nach Anne-Sophie Mutter und Rebecca Saunders als dritte Frau seit der ersten Verleihung 1974. „Die Frauenbeauftragte meiner Hochschule hat mir dazu gleich eine E-Mail geschrieben mit dem Hinweis, jetzt stünde es 3 zu 44! Aber ich finde nicht, dass wir in Teams gegeneinander spielen. Ich freue mich natürlich auch, dass ich als Frau den Preis bekommen habe, aber ich möchte ihn nicht dafür kriegen, sondern für das, was ich mit der Bratsche mache – für das Gesamtpaket.“ Dieses Gesamtpaket ist, so formuliert es das Kuratorium der Stiftung, gekennzeichnet durch Zimmermanns „unbestechliches Musizieren, ihre authentische, persönliche Haltung und künstlerische Integrität genauso (…) wie durch ihren kompromisslosen Qualitätsanspruch“ und hat eine Karriere von verblüffender Nachhaltigkeit hervorgebracht.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juni 2020

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