Stéphanie d’Oustrac

Eine Südländerin aus der Bretagne

Lyrische Empfindsamkeit, dramatische Kraft, schauspielerisches Talent: Stéphanie d’Oustrac gehört zu den derzeit gefragtesten Mezzosopranistinnen.

Von Clemens Haustein


Soll keiner sagen, Komponistenjubiläen brächten nur den Komponisten etwas, die während einer Saison dann plötzlich im Fokus der Spielpläne stehen. Die Künstler, die Faible und Verständnis für die Musik der Jubilare haben, tragen ebenfalls ihren Gewinn davon. So konnte sich im Berlioz-Jahr Robin Ticciati, der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, als einer der derzeit fähigsten und einfühlsamsten Interpreten von Berlioz’ Musik etablieren. Ähnliches gilt für die französische Mezzosopranistin Stéphanie d’Oustrac, die zum Auftakt des Berlioz-Jahres 2019 an der Pariser Oper gefeiert wurde als Cassandra in Dimitri Tscherniakows Inszenierung der „Troyens“ und die zwei Wochen vor Jahresende wiederum mit Berlioz eine Art zweites Debüt gab bei den Berliner Philharmonikern.
Vor vierzehn Jahren war sie dort letztmals zu Gast gewesen mit dem Dirigenten William Christie, der sie nach dem Studium entdeckt hatte. D’Oustrac sang damals Arien von Jean-Philippe Rameau und Joseph Haydn. Nun gab es Berlioz’ „Cléopâtre“, vom Komponisten als „scène lyrique“ bezeichnet, ein musikalischer Thriller, der die letzten Minuten der ägyptischen Königin nachzeichnet, bevor sie mit einem Schlangenbiss ihrem Leben ein Ende setzt. Am Schluss röcheln die Streicher im totenbleichen „Sul tasto“-Tremolo – eine klangmalerische Drastik, die die Juroren des begehrten Rom-Preises des Pariser Conservatoire damals vor den Kopf stieß. Berlioz ging beim Preis leer aus. Heute aber ist das Stück von zeitgemäßer Eindringlichkeit, und in der Rolle der Kleopatra kann Stéphanie d’Oustrac zeigen, weshalb sie derzeit zu den gefragtesten Mezzosopranistinnen gehört: Lyrische Empfindsamkeit verbindet sie mit dramatischer Kraft, sopranhafte Brillanz geht bei ihr mit stimmlicher Sonorität einher. Dabei tritt dem Hörer eine Bühnenfigur entgegen, deren erotische Verführungskraft auch im Augenblick größter Verzweiflung nicht in Frage steht. Die schauspielerischen Fähigkeiten d’Oustracs sind beträchtlich – vor Beginn ihres Gesangsstudiums war lange nicht ausgemacht, ob ihr Weg nicht doch ins Theater führen würde. Ein Abend mit Teresa Berganza brachte schließlich die Entscheidung für die Oper.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Februar 2020

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