Gabriel Schwabe

Als Musiker muss man ein Chamäleon sein

Der Cellist Gabriel Schwabe gewann bereits mit 18 den „Grand Prix Emanuel Feuermann“. Nun ist seine Debüt-CD bei Naxos erschienen. Ole Pflüger hat den Musiker in Frankfurt und Timmel getroffen.

Warum ausgerechnet Brahms? Gabriel Schwabe hätte sich weiß Gott eine leichtere Aufgabe stellen können für seine Debüt-CD. Jeder, der das Cello mag, kennt diese Sonaten, mit den vorhandenen Aufnahmen könnte man die Fassade der Elbphilharmonie neu gestalten. Aber Schwabe spürt eine besondere Verbindung zu Brahms, die seinen Ehrgeiz befeuerte.

„Brahms hat eine unglaubliche Strenge in der Form, hanseatisch kühl – auch wenn das klingt wie ein Klischee. Aber man merkt gleichzeitig: Da brodelt was. Da muss etwas raus in die Welt und bricht sich Bahn.“ Es sind Gegensätze, die ihn reizen: „Gegensätze sind die treibende Kraft hinter jeder Musik“, sagt er. Neben den beiden Cellosonaten haben Schwabe und der Pianist Nicholas Rimmer sechs von Brahms’ Liedern arrangiert und erstmals in dieser Besetzung eingespielt. Tagelang probten die beiden sich durch das Repertoire auf der Suche nach Liedern, die auf dem Cello funktionieren können. Das Ergebnis: „Tonwiederholungen funktionieren meist nur mit Text. Auf dem Streichinstrument wird das schnell langweilig“.

Gabriel Schwabe ist ein neugieriger Musiker. Er ist neugierig auf die Musik, aber auch auf sein Publikum. Als das Interview eigentlich schon zu Ende ist, legt er erst richtig los. „Also ich könnte noch“, sagt er verschmitzt und in leichtem Berliner Singsang. Dann fängt er an, selber Fragen zu stellen: Was berührt einen an Musik? Was ist die Bedeutung von Musik? Wie kann man darüber sprechen und schreiben? Es ist ein heißer Sommertag in Frankfurt. Ein Café direkt am Main: Rechts von ihm dröhnen Schiffsmotoren, links rauscht der Verkehr über die Promenadenstraße. Mittendrin sitzt er neben seinem Cellokasten und philosophiert über Kunst.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Dezember 2015

Reingehört

Welch‘ eine Vorfreude! Der erste Ton klingt noch ein wenig heiser. Johannes Brahms‘ e-Moll Sonate beginnt minimalistisch: auf der tiefsten Saite des Cellos und mit schüchternen Synkopen im Klavier. Aber doch spürt man mit jeder Note ein Kribbeln. Aufregung, Erwartung, Spannung auf die 66 Minuten Brahms, die da noch folgen werden.

Der Flügel, bedient von Nicholas Rimmer, ist stets präsent, in etwa gleichberechtigt mit dem Cello. Rimmer übernimmt oft die Führung, etwa als Einpeitscher für die Fuge im Finale der ersten Sonate. Die ersten Töne der F-Dur Sonate trompetet dann wieder Schwabe selbstbewusst hinaus, um sie in einer ausschweifenden Melodie abzufedern. Brahms‘ strenge Dramaturgie betonen die Musiker hier stärker als andere Interpreten, die gerne die rhapsodischen, chaotischen Elemente des Werkes in den Vordergrund stellen.

Rimmer und Schwabe präsentieren zwischen den Sonaten sechs neu arrangierte Brahms-Lieder in der Fassung für Cello und Klavier. Sie funktionieren als Lieder ohne Worte hervorragend, weil Schwabes Celloton an menschlichen Gesang erinnert. „Ausdruck ist eine Frage von Technik“, sagt der Cellist. Diese Idee findet man auf seiner Debüt-CD wieder. Die Töne ziehen fast zu schnell vorüber. Schwabe hat jeden einzelnen von ihnen sorgfältig modelliert. Man wünscht sich, die Klänge würden etwas länger verweilen, um sie besser bestaunen zu können.

Es gäbe viel zu erzählen, zu schreiben und zu lesen über diese Aufnahme. Oder aber natürlich zu hören. Das ist der beste Weg, weil – das wissen die Musiker selbst am besten – die Sprache vor der Musik versagt.

Musik

Klang

Brahms, Cellosonaten e-Moll und F-Dur; Gabriel Schwabe, Nicholas Rimmer (2015); Naxos CD 747313348978


Termin

5.12. Bremen, Sendesaal: Recital mit Nicholas Rimmer