Peter Schreier. Foto: privat
Peter Schreier. Foto: privat

Zum Tod von Peter Schreier

Im Alter von 84 Jahren ist Peter Schreier verstorben. Er war über Jahrzehnte "der" lyrische deutsche Tenor schlechthin.

Es dürfte nur wenige Menschen im deutschsprachigen Raum geben, die vokale klassische Musik schätzen und nicht die Stimme von Peter Schreier im Ohr hätten. Der Verfasser dieser Zeilen hatte noch zu Beginn des Jahres die Möglichkeit, mit Peter Schreier zu telefonieren - aus einem traurigen Anlass: Schreiers Mentor, Weggefährte und enger Freund, der Bassbariton Theo Adam, war nach langer Demenz verstorben. Schreier selber wirkte da schon sehr schwach, er war auf intensive medizinische Betreuung angewiesen, in Erinnerung und geistiger Präsenz allerdings wirkte er völlig klar, sachlich und bescheiden, wie man ihn kannte. Nun ist er, der Familienmensch, am zweiten Weihnachtstag mit 84 Jahren verstorben.

Mit Theo Adam verband ihn unter anderem die musikalische Herkunft aus dem Dresdner Kreuzchor. Auf der dortigen Ausbildung beruhte wohl auch die Liebe zur Sprache bis hin zu einer technischen Eigenart: in der Übergangslage und Höhe die Vokale nicht zu decken, also in eine geschlossenere Vokalform einzufärben, sondern in ihrer ganz aus dem Sprechen genommenen Natürlichkeit zu belassen. Dies führte auch zu dem typischen, im Rachen leicht eingeengt wirkenden Klang. Aber dies tat dem lyrischen Fluss der Jahrhundertstimme keinen Abbruch.

Eher sogar im Gegenteil: Schreier hatte immer technischen Halt, er ließ sich nie gehen, treiben schon gar nicht. Weder von seinem Temperament, noch von den Partien, die er sang und schon gar nicht vom Opernbusiness. Dessen Verführungen, etwa mal eine Nummer zu groß zu reüssieren, widerstand er unerschütterlich. Der Freischütz-Max war die Grenze.

Seine Disziplin und kluge Selbsteinschätzung versetzten ihn in die Lage, noch mit 65 Jahren Tamino singen zu können. Am 8. Dezember 2005 hat Peter Schreier seinen allerletzten Liederabend, der gleichzeitig sein 75. Auftritt bei der Schubertiade war, im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems gesungen. Wenige Tage danach folgte noch eine Aufführung von Bachs „Weihnachtsoratorium" in Prag – und danach war diese Jahrhundertstimme nicht mehr live im Konzertsaal zu hören. Zur Schubertiade kam er dann weiter als Dirigent sowie zu Meisterkursen und Gesprächsmatineen.

Schreier baute seine Weltkarriere aus der DDR heraus behutsam auf. Sie führte von Berlin und Dresden aus bis an die Met (wo er zur Eröffnung des Neubaus Tamino sang), zu den Bayreuther Festspielen (aber nur in lyrischen Partien) und natürlich in die Mozartstadt Salzburg. Überhaupt Mozart: Zwar spöttelten manche Kritiker, Schreiers Italienisch habe angeblich seine sächsische Herkunft verraten. Wie austauschbar und nichtssagend Stimmen ohne persönliche Eigenheiten sind, das kann man ja im täglichen Hörbetrieb erfahren. Schreier hingegen war unverwechselbar - und das absolut ungekünstelt. Seine oberklangreiche Pianokultur war überragend, die Führung der Stimme ebenso. Und da sein Gesang das Wort zu seinem vollen Recht kommen ließ, war Schreier auch als Liedersänger eine Jahrhundertgestalt.

Da Schreier nicht nur live, sondern auch vor dem Mikrofon seine Weltklasse zu entfalten verstand, war er u. a. von Böhm und Karajan hoch geschätzt. Umfangreich ist seine Diskografie, in der der Liedgesang eine herausragende Stellung einnimmt.

Vieles wird bleiben, war er geleistet hat, sicher sein Evangelist, aber auch sein Tamino (etwa auf der Sawallisch-Gesamtaufnahme) und seine Winterreise mit Svialoslav Richter. Mit welch unaufgeregter Selbstverständlichkeit Peter Schreier über knapp vier Jahrzehnte an der Weltspitze sang, ist einmalig. Er bleibt unvergessen. J. Schmitz

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