Die Branche ehrte Mariss Jansons im Oktober mit dem OPUS Klassik für dessen Lebenswerk. Bild: Peter Meisel
Die Branche ehrte Mariss Jansons im Oktober mit dem OPUS Klassik für dessen Lebenswerk. Bild: Peter Meisel

Zum Tod von Mariss Jansons

Mit Mariss Jansons verliert die Musikwelt eine ihrer größten Dirigentenpersönlichkeiten.

Vor einem Monat war er u. a. noch in der Kölner Philharmonie aufgetreten und hatte die vier letzten Lieder von Richard Strauss mit Diana Damrau dirigiert. Vor allem aber, was Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks nach der Pause boten, bleibt unvergesslich: Brahms 4. Sinfonie in einer Interpretation, die vollkommen ausgewogen, klangschön, von innerer Spannung durchzogen war, ohne an irgendeiner Ecke oder Kante das ästhetische Gesamtgebilde in Frage zu stellen.

Was das Schöne, das Wahre und das Gute, diese humanistische Dreifaltigkeit, in Menschen bewegen können, konnte man staunend an sich selber beobachten. Die Zugabe, sie erklang noch öfter im Rahmen dieser letzten Konzertreihe, die Jansons in seinem reichen Musikerleben dirigieren sollte, bleibt ebenfalls als singulär in Erinnerung. Brahms fünfter ungarischer Tanz: Die Lust an der Musik, um den Bernsteinschen Begriff der Freude noch zu steigern, inspirierte, animierte, erfüllte mit sagenhafter Lebensfreude, sie begeisterte im besten Sinn dieses Wortes.

Wie Jansons mit minimalem gestischen Aufwand ein Maximum an Agogik und an Vitalität, am Spiel der Empfindungen und Stimmungen mit seinem BR-Orchester erlebbar werden ließ, das war orchestrale Meisterschaft in Perfektion - hier bitte verstanden im Sinn der erwähnten humanistischen Trias, nicht etwa einer sinnreduzierten Oberflächenschönheit. Auf Youtube ist diese Zugabe, ein paar Tage später im Wiener Musikverein zu Gehör gebracht, zu hören und zu sehen. Unten der Link dorthin.

Allerdings fiel auf, wie schwer Jansons die kurzen Wege und wenigen Stufen in der Kölner Philharmonie vom und zum Podium fielen. Die Nachricht seines Todes kam dennoch überraschend. Mit 76 Jahren ist der gebürtige Lette in St. Petersburg gestorben, wie der Bayerische Rundfunk vermeldet.

In der Februar-Ausgabe des Jahres 2011 erschien im FONO FORUM ein Porträt von Mariss Jansons. Darin fällt der Begriff vom "unbekannten Weltstar." Jansons sagt darin auch: "Dirigenten arbeiten ziemlich lange." Das hat er nun tatsächlich fast bis zu seinem Tod tun können. Noch im Oktober dieses Jahres hatte die Fonobranche ihn mit dem Opus Klassik für sein Lebenswerk geehrt. Bedeutender sind natürlich die Ehrungen, die die Berliner und Wiener Philharmoniker ihm zuteil werden ließen. Man hätte sich Jansons gut als Chefdirigenten eines der beiden europäischen Spitzenorchester vorstellen können. Zumal es Herbert von Karajan war, der sich für Jansons einsetzte und so wohl mit dazu beitrug, dass dieser bei ihm und bei Hans Swarowsky studieren konnte.

Zum Genie Mariss Jansons gehört natürlich auch, dass er die Musik mit der Muttermilch einsog (die Mutter war Sängerin) und in seinem Vater, dem Dirigenten Arvids Jansons, ein Vorbild hatte, das nicht leicht zu erreichen war. Wie sein Vater wurde auch Mariss Jansons Assistent von Jewgenij Mrawinsky in Leningrad. Und wie sein Vater wurde auch er stellvertretender Dirigent der Leningrader Philharmoniker.

Damals alles hinter dem eisernen Vorhang und daher in der freien Welt kaum beachtet. So langsam aber wurde der Name Mariss Jansons bekannter: Als Chef der Osloer Philharmoniker (1979-2000) nahm er für die EMI z. B. Sinfonien von Dvorak und Sibelius auf.

Die heute vorliegende Diskografie von Mariss Jansons ist sehr umfangreich, sie beinhaltet leider kaum Opern, obwohl Opern zu seinen frühesten Begegnungen mit Musik zählten. Sein Vater dirgierte in den 40er Jahren am Opernhaus in Riga. Dort wurde Jansons 1943 geboren, von einer jüdischen Mutter unter der deutschen Besatzung.

Dass dieser Junge mal Chefdirigent etwa des Pittsburgh Sinfonieorchester werden würde, war ihm bei allem Talent also nicht in die Wiege gelegt. Seine Gesundheit war in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder zum limitierenden Faktor seiner Arbeit geworden. So erinnert der Bayerische Rundfunk anlässlich der traurigen Nachricht daran, dass Jansons 1996 am Pult in einer Aufführung von Puccinis La Boheme in Oslo einen Herzinfarkt erlitt. Seinem Vater war 1984 in Manchester während eines Konzertes mit dem Hallé Orchestra dasselbe widerfahren - wenige Tage später verstarb er.

Jansons wird nicht nur in Erinnerung bleiben als geniale Synthese aus russischer Dirigentenschule und zentraleuropäischer Detailanalyse. Seine Aufnahmen mit dem BR-Orchester, das seinen verehrten Chefdirigenten nun loslassen muss, mit dem Concertgebouworkest, das Jansons von 2004 bis 2015 als Chef leitete, mit den Wienern, den Berlinern und manch anderen Spitzenklangkörpern, werden ihn als einzigartigen Musiker zu einem gern besuchten Bewohner des Plattenolymps machen.

Brahms: Ungarischer Tanz Nr. 5 https://www.youtube.com/watch?v=4ARjT4QatGY

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