Anzeige


Edita Gruberova im Jahr 2017 in der Bayerischen Staatsoper. Bild: Wilfried Hösl
Edita Gruberova im Jahr 2017 in der Bayerischen Staatsoper. Bild: Wilfried Hösl

Zum Tod von Edita Gruberová

Im Alter von 74 Jahren ist die slowakische Sängerin Edita Gruberová verstorben. Vor zweieinhalb Jahren hatte sie sich von der Opernbühne zurückgezogen.

Ihre Agentur Hilbert spricht von einem "plötzlichen Tod". Und in der Tat ist die Meldung, dass Edita Gruberová die Seite gewechselt hat, unglaublich. Sie war noch voller Pläne, die Stimme war immer noch superb in Form, als sie im März 2019 ihre letzte Vorstellung an der Bayerischen Staatsoper gab. Von 1974 bis 2019 prägte sie das musikalische Leben der Oper in München. Nur zwei Jahre nach ihrer feierlichen Verabschiedung, trauert die Bayerische Staatsoper nun um die Gruberová. Und nicht nur dieses Institut.

Die gesamte Opernwelt hält den Atem an, vor allem in Zentraleuropa. Die Popularität einer Callas oder Netrebko hat sie nie erreicht. Ihre künstlerische Bedeutung aber war seit Jahrzehnten unangefochten. Wegen ihrer bombensicheren Technik. Vor allem aber, weil sie auf deren Grundlage ihre Stimme voll edelmetallischen Schmelzes immer weiter formte und reifen ließ, von der Luxus-Soubrette zur ganz großen Dramatikerin. Zur Königin der Belcanto-Sängerinnen wurde sie ohne äußere Reize, ohne eine begabte Schauspielerin zu sein. Umso schwerer wiegt ihre künstlerische Leistung, ihre vokale Seelenkraft, die alle denk- und singbaren Zwischentöne kannte und konnte. Sie war nicht nur die Autorität des romantischen Belcanto, sie war zugleich nahbar und echt.

Das kam live noch mehr zur Geltung, als auf jeder Konserve, die innere Weite und Wärme der Stimme, die jede Bewunderung schnell in innere Bewegung der Zuhörer verwandelte, berührte in einer Weise, wie es nur den allergrößten Sängerinnen und Sängern gegeben ist. 1968 Debut in Bratislava, ein Jahr später schon in Wien. Doch wer damals glaubte, sie würde die ewige Hoch-Kolorateuse à la Königin der Nacht oder Zerbinetta bleiben, der wurde mit den Jahren eines besseren belehrt. Die Ausflüge zu den lyrischen Rollen wie Rosalinde in der Fledermaus oder Donna Anna in Don Giovanni in der 1980er Jahren waren Erkundungen der Repertoiregrenzen, bis sie reif war, die Belcanto-Königin zu werden, ohne Allüren, ohne jedes Divengetue, eher pflichtversessen gegenüber den Komponisten, detailversessen im auch akrobatisch Koriphäenhaften, fanatisch in der Klangwerdung innerer Bewegung.

Wer verstehen möchte, wie Bellini und Donizetti weit über ihre Bestseller hinaus einen unerschöpfichen Beitrag zum Musiktheater geleistet haben, der findet in Edita Gruberová die Kronzeugin. Glücklicherweise ist dieses künstlerische Vermächtnis gut dokumentiert. Der Weg von der Königin der Nacht bis zur Elisabetta in Roberto Devereux währte rund 50 Jahre. Man kann über wenige Sängerinnen sagen: Sie wurde immer besser. Auf die Gruberová trifft es zu, im Sinne einer bewegenden Menschendarstellerin. Sie hatte viel zu geben, auch wenn ihr selber vom Leben von Kindesbeinen an viel abverlangt wurde. Umso tiefer mag ihre Sehnsucht nach der seelischen Versenkung in ihre Figuren gewesen sein. Nach der Callas haben nur ganz wenige Sängerinnen im Belcantofach die Grenze von der Virtuosität zur künstlerischen Wahrhaftigkeit überschritten. Edita Gruberová gehört dazu.

 

Zur Übersicht
Anzeige

FonoForum-Newsletter

Mehr frische Infos und Angebote finden Sie im FonoForum-Newsletter.

Jetzt registrieren