Die Kölner Philharmonie war Ort des Ausbruchs von Intoleranz.
Die Kölner Philharmonie war Ort des Ausbruchs von Intoleranz.

Zivilisationsbruch oder normale Ablehnung?

Die Musikstadt Köln ist um einen Skandal reicher. Zuschauer störten nach Angaben der Lokalzeitung "Kölner Stadtanzeiger" den Vortrag des Cembalisten Mahan Esfahani, als dieser ein Stück von Steve Reich spielte.

Der Kölner Oper (da war doch was?) droht ein Baustopp. Doch das Musikleben in Köln hat jetzt einen Dämpfer erfahren, der änhlich nachdenklich machen könnte. Nach Angaben des Kölner Stadtanzeigers haben Zuhörer eines Konzerts durch massive Missfallenskundgebungen den Cembalisten Mahan Esfahani zum Abbruch eines Stücks von Steve Reich bei einem Konzert in der Kölner Philharmonie genötigt. Zuvor hatte der Cembalist nach Berichten der Lokalzeitung eine Einführung in Englisch gegeben, was nach dem Bericht des Stadtanzeigers vereinzelt mit der Aufforderung aus dem Auditorium quittiert worden sein soll, Esfahani solle Deutsche reden.

Da hat Köln also wieder einen Skandal. 1926 verbot der Kölner Bürgermeister Konrad Adenauer eine Wiederholungsaufführung von Bartoks "der Wunderbare Madarin". Günter Wand, lange Chefdirigent des Kölner Gürzenichorchesters, soll nach Zeitzeugenberichten Stücke moderner Musik wiederholt haben, wenn der Widerspruch aus dem Publikum ihn zu arg provozierte. Wand würde sich wohl im Grab umdrehen, wenn er von den jüngsten Vorgängen erführe.

Was in der Philharmonie geschehen ist, kann angesichts der steigenden Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland leider kaum zur Kenntnis genommen werden, ohne zu konstatieren, dass der Verfall des Anstandes auch schon im ersten deutschen klassischen Konzertsaal angekommen zu sein scheint. Der mangelnde Respekt gegenüber dem Ausführenden, der aus dem Iran stammt, steht derzeit als singuläres Vorkommnis in der musikalischen Landschaft, wenn man den Berichten der Zeitung trauen darf. Diese Art der Gereiztheit ist auch dadurch kaum zu rechtfertigen, dass die Musik von Steve Reich einem tatsächlich auf die Nerven gehen kann. Zumal in einem musikalischen Kontext, der eher die Barockmusik ins Zentrum rückte, wie bei dem betreffenden Konzert von Concerto Köln, bei dem der Cembalist als Gastsolist auftrat.

Bleibt die große Frage, welcher Artikel des Kölschen Grundgesetzes in diesem Fall zur Anwendung kommen sollte: Et kütt wie et kütt? (Es kommt wie es kommt). Oder: Et is wie et is? (Es ist wie es ist). Wahrscheinlich doch eher der ehrlichste der Kölner Grundsätze, der im offenen Widerspruch zur vermeintlichen Toleranz der Stadt steht: Kenne mer net, bruche mer net, fott domet. (Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, weg damit).

http://www.ksta.de/kultur/konzert-in-der-koelner-philharmonie-abgebrochen--reden-sie-doch-gefaelligst-deutsch---23646344

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