Aussschnitt aus einem Brief von Carl Philipp Emanuel Bach. Bild: Bacharchiv Leipzig
Aussschnitt aus einem Brief von Carl Philipp Emanuel Bach. Bild: Bacharchiv Leipzig

"Welch Glück, ein Lehrbuch ohne Fehler!"

Ein Brief von Carl Philipp Emanuel Bach gelangt über Berlin, Wien, New York und Miami Beach zurück nach Leipzig.

Das Bach-Archiv Leipzig hat seine Sammlung um einen bislang unveröffentlichten Brief Carl Philipp Emanuel Bachs erweitert. Es handelt sich um ein zweiseitiges Schreiben mit außergewöhnlicher Provenienz, das der bedeutende Hamburger Musikdirektor Bach zwei Jahre vor seinem Tod an den Leipziger Verleger Engelhard Benjamin Schwickert richtete. Das Bach-Museum Leipzig stellt das Schriftstück anlässlich der Festtage »70 Jahre Bach-Archiv Leipzig« ab dem 27. Oktober in der Schatzkammer des Hauses aus.

Der Brief vom 4. August 1786 behandelt die Vorbereitung einer Neuausgabe von Carl Philipp Emanuel Bachs »Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen« – einem der bedeutendsten musikalischen Lehrbücher des 18. Jahrhunderts. Unter anderem schreibt Bach an Schwickert: »Welch Glück, ein Lehrbuch ohne Fehler, wie es jetzt ist, u. dergleichen ganz gewiß in der Welt nicht ist, zu haben!«. Der Ankauf ergänzt die umfängliche im Bach-Archiv Leipzig verwahrte Briefsammlung der Familie Carl Philipp Emanuel Bachs. Diese umfasst 39 Briefe des Komponisten (Sammlung Kulukundis) und zudem 37 erhaltene Briefe von dessen Tochter Anna Carolina Philippina Bach.

Prof. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig, sagt dazu: »Die Rückkehr eines unbekannten Briefes des zweiten Bach-Sohns an seinen ursprünglichen Bestimmungsort ist ein besonderer Glücksfall. Das inhaltsreiche Schreiben beleuchtet C. P. E. Bachs Bemühungen um eine Neuauflage seiner Klavierschule und spiegelt mit seinen zahlreichen Details ein Stück Lebenswirklichkeit des späten 18. Jahrhunderts. Da das Bach-Archiv bereits zwei an den Leipziger Verleger Schwickert gerichtete Briefe C. P. E. Bachs verwahrt, ergeben sich für die wissenschaftliche Forschung neue Perspektiven.«

In den über 230 Jahren nach seiner Zustellung wanderte der Brief mit seinen jeweiligen Besitzern von Leipzig über Berlin und Wien nach New York und zuletzt nach Miami Beach. Dort war er Teil der »John and Johanna Bass Collection«. Das aus Wien stammende jüdische Ehepaar John und Johanna Bass hatte seine bedeutende private Kunstsammlung im Jahr 1963 der Stadt Miami Beach unter der Auflage gestiftet, diese in einem Museum der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In der Folge entstand in Florida das 1964 eröffnete Bass Art Museum.

Der erfolgreiche Kaufmann John Bass kam 1914 über Paris nach New York und stieß 1925 zu der in Puerto Rico ansässigen Fajardo Sugar Company, in deren Hierarchie er bis zum Präsidenten aufstieg. Das Ehepaar Bass hatte den Brief Bachs vermutlich im Jahr 1934 auf einer Auktion der Firma Artaria & Co in Wien ersteigert, in der der Nachlass von Alfred Freiherr von Liebieg (1854–1930) veräußert wurde. Vermutlich gab es persönliche oder geschäftliche Beziehungen des Ehepaars Bass zur Familie Liebieg: Alfred von Liebieg wirkte in Wien als Zuckerindustrieller und war somit in derselben Branche tätig wie Bass in New York.

Alfred von Liebieg hatte den C.-P.-E.-Bach-Brief vermutlich im Jahr 1901 auf einer Auktion des Berliner Antiquariats Leo Liepmannssohn erworben. Die Provenienz im 19. Jahrhundert ist unklar, möglicherweise war der Brief – wie auch ein anderer Brief C. P. E. Bachs an Schwickert – vormals Teil der seinerzeit berühmten Briefsammlung von Alfred Bovet (1841–1900).

2019 bot das in New York ansässige Antiquariat J. & J. Lubrano dem Bach-Archiv Leipzig die Handschrift exklusiv zum Kauf an. Der Ankauf wurde ermöglicht mit großzügiger Unterstützung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der American Friends of the Leipzig Bach Archive und des Packard Humanities Instituts (Los Altos, Kalifonien) sowie mit namhaften privaten Spenden. Erstmals öffentlich gezeigt wird der Brief ab dem 27. Oktober 2020 im Rahmen einer Sonderschau zum 70. Geburtstag des Bach-Archivs Leipzig, die Einblicke in die Entwicklung der Sammlung seit der Gründung des Hauses im Jahr 1950 gibt.

Das Bach-Archiv Leipzig versteht sich als musikalisches Kompetenzzentrum am Hauptwirkungsort Johann Sebastian Bachs. Sein Zweck ist, Leben, Werk und Wirkungsgeschichte des Komponisten und der weit verzweigten Musikerfamilie Bach zu erforschen, sein Erbe zu bewahren und als Bildungsgut zu vermitteln. Präsident des Bach-Archivs Leipzig ist der niederländische Dirigent, Organist und Bach-Spezialist Ton Koopman.

www.bacharchivleipzig.de

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