Christoph Eschenbach. Foto: Manu Theobald
Christoph Eschenbach. Foto: Manu Theobald

Traditionsbewusst und innovativ

Im schweizerischen Vevey findet der 28. Clara-Haskil-Wettbewerb statt. Auch Christoph Eschenbach und Richard Goode haben ihn schon gewonnen.

Die Jury des 28. Clara-Haskil-Wettbewerbs setzt sich zusammen aus dem deutschen Pianisten und Orchesterleiter Christian Zacharias (Vorsitzender) sowie Catherine d'Argoubet, künstlerische Leiterin von Piano aux Jacobins und Grands Interprètes, der japanischen Konzertpianistin Hisako Kawamura, Haskil-Preisträgerin 2007, dem französischen Komponisten, Organisten und Improvisationskünstler Thierry Escaich, dem serbischen Konzertpianisten Aleksandar Madžar, dem künstlerischen Leiter des East Neuk Festival Svend McEwan-Brown sowie dem Pianisten, Musikpädagogen und Spross einer bekannten Schweizer Musikerfamilie Marc Pantillon.

Die Auszeichnung mit dem Clara-Haskil-Preis bedeutet für Pianisten ein Sprungbrett für eine grosse internationale Solistenkarriere. Erwähnt seien zum Beispiel der erste Preisträger 1965 Christoph Eschenbach oder Richard Goode, Haskil-Preisträger 1973, der beim Verbier Festival 2018 eine Meisterklasse unterrichtete, an der auch Haskil-Preisträger Mao Fujita (2017) teilnahm; Adam Laloum (2009), der exklusiv bei Sony unter Vertrag steht; Michel Dalberto, Haskil-Preisträger 1975 (siehe unten); Till Fellner (1993), der im Mai 2019 erstmals mit den Berliner Philharmonikern unter Bernard Haitink konzertierte; Martin Helmchen (2001), der im Mai 2019 beim New Yorker Festival Mostly Mozart gastierte, wo er mit Louis Langré zwei Mozart-Konzerte gab, und im August 2019 beim Luzerner Piano-Festival zu sehen sein wird sowie der Wahl-Berliner Cristian Budu (2013), der mittlerweile ein gefragter Konzertpianist ist. Aufnahmen dieser Pianisten sind beim Schweizer Traditionslabel Claves erschienen, das seit 1993 mit dem Clara-Haskil-Wettbewerb zusammenarbeitet und eine Kollektion mit Haskil-Preisträgern herausgebracht hat.

Innovationen

Die 28. Auflage des Internationalen Klavierwettbewerbs Clara Haskil zeigt sich mit der Einführung einer Pianoakademie auch innovativ. Die Clara-Haskil-Akademie bietet sieben jungen Musikern die Möglichkeit, auf Einladung der Fondation Hindemith in Blonay vom 26.–31. August 2019 an einer Meisterklasse über das Repertoire von Clara Haskil und das Werk von Thierry Escaich teilzunehmen und von Michel Dalberto, Haskil-Preisträger 1975 und international gefragter Konzert- und Kammermusiker sowie Professor am Pariser Konservatorium, unterrichtet zu werden. Dessen Gesamtaufnahmen beim Label Erato von 1978–2010 sind übrigens 2018 unter dem Titel The Making of an Musician erschienen.
 
Eine weitere Innovation ist die Jeune Critique. Hier erhalten sieben Studierende der Genfer Universität und der HEM die Möglichkeit, durch Rezensionen, Begegnungen mit dem Publikum, Unterstützung bei der Aufnahme von Video- und Audiobeiträgen usw. zum Thema „Mediation und Kommunikation" den Wettbewerb von innen heraus zu erleben. Vorbereitet dafür werden sie von der Dozentin für Musikwissenschaften an der HEM Genf, Nancy Rieben. In diesem Jahr können die Studierenden in einem Seminar der Fondation Hindemith in Blonay auch Ratschläge und Informationen der Musikjournalisten und -kritiker beim RTBF (Musiq 3) Camille de Rijck und Gwenn Lucas einholen.

Haydn und Mozart im Finale

Der Clara-Haskil-Wettbewerb zeichnet sich durch seine besondere Wettbewerbskonstellation aus, insbesondere aufgrund der zu interpretierenden Werke, die dem Repertoire Clara Haskils (Scarlatti, Haydn, Mozart, Beethoven, Brahms und Schumann) entstammen. Es sei betont, dass bei nur sehr wenigen Klavierwettbewerben Haydn und für das Finale ein Konzert von Mozart auf dem Programm stehen – ein Wunsch des Juryvorsitzenden, des deutschen Konzertpianisten und Orchesterleiters Christian Zacharias.
 
Eine weitere, beachtenswerte Premiere ist, dass die Finalisten 2019 vom Zermatt Music Festival Orchestra begleitet werden. Das hochkarätige Orchester setzt sich aus den Musikern des Scharoun Ensembles (Mitglieder der Berliner Philharmoniker und erfahrene Musiklehrer) und ihren Studierenden der Zermatt Festival Academy zusammen. Diese jungen Musiker stehen am Anfang einer Orchesterkarriere, verfügen als Mitglieder von Orchestern wie dem European Union Youth Orchestra, der Orchestra Academy, dem Schleswig-Holstein Musik Festival, dem Gustav-Mahler-Jugendorchester, der Jungen Deutschen Philharmonie, der Deutschen Stiftung Musikleben oder der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker aber bereits über eine solide Orchestererfahrung. Das Zermatt Music Festival Orchestra findet sich alljährlich am Fusse des Matterhorns für eine Konzertreihe mit renommierten Solisten zusammen. Zum ersten Mal gastiert es nun zunächst in Vevey, bevor es sich auf den Weg ins Wallis begibt.
 
Eine weitere Besonderheit des Clara-Haskil-Wettbewerbs ist, dass neben dem Clara-Haskil-Preis – der natürlich im Vordergrund des Wettbewerbs steht – weitere Preise verliehen werden. Ein Grund dafür sind die Begeisterung und das grosse Interesse, auf das sie stossen. Mit dem Publikumspreis wollen die Organisatoren das Publikum einbinden, das beim Finale aktiv die Gelegenheit hat, für den Kandidaten seiner Wahl zu stimmen. Der 2013 ins Leben gerufene Preis „Modern Times" (in Anlehnung an die Freundschaft zwischen Clara Haskil und Charlie Chaplin) würdigt die beste Interpretation eines eigens für den Wettbewerb komponierten Werkes. 2019 stammt das Stück aus der Feder des Komponisten Thierry Escaich. Der bereits seit der vierten Wettbewerbsauflage aktiv weiterentwickelte Preis „Children's Corner" wird von einer Jury aus 7- bis 12-jährigen Klavierschülern des Konservatoriums von Vevey vergeben. Der Preis „Coup de Cœur" wiederum wird im Rahmen eines akademischen Projekts verliehen, dessen Jury sich aus Studierenden, der Jeune Critique, zusammensetzt. Die Studierenden der Musikwissenschaften sind ausserdem damit betraut, Begegnungen zwischen Kandidaten, Jury und Publikum während der Wettbewerbstage zu fördern; 2019 behandelt die Jeune Critique verschiedenste Aspekte der Kommunikation in Audio- und Videobeiträgen, die auf einem eigens geschaffenen Kanal abgerufen werden können.

Aus den 93 eingegangenen Videobewerbungen wurden nun 25 Kandidaten fürs Viertelfinale ausgewählt. Die Kandidaten stammen aus 15 Ländern, darunter Kandidaten aus der Schweiz (1), Frankreich (6), Kanada (1), Kuba (1), Singapur (1), Polen (1), Italien (1), Rumänien (1), Russland (1), Österreich (1), Deutschland (3), Spanien (1), Japan (2), Hong Kong (1), Singapur (1), Südkorea (2) und China (1).

 

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