Stefan Mickisch. Bild: Julia Wesely
Stefan Mickisch. Bild: Julia Wesely

Stefan Mickisch ist gestorben

Mickisch war berühmt für seine Gesprächs- und Erklärkonzerte. Er genoss Kultstatus nicht nur unter Wagnerfans von Zürich bis Wien und natürlich in Bayreuth.

Auch im Stadttheater Gießen begeisterte er über 14 Jahre immer wieder neu eine treue, stetig wachsende Fangemeinde. Jetzt ist der Klaviervirtuose und Musikexperte aus Schwandorf mit nur 58 Jahren überraschend gestorben, wie das Theater in Gießen mitteilt.

Zum ersten Mal war Stefan Mickisch 2007 im Rahmen des 100. Jubiläums des Stadttheaters in Gießen zu erleben. Schon damals war er für seine unverwechselbare Art des „lebenden Opernführers“ während der Bayreuther Festspiele bekannt und damit der ideale Partner für das ehrgeizige Mammutprojekt WAGNERS RING – LEICHT GEKÜRZT.  Nach Gießen ließ er sich nicht etwa durch ein besonders Honorar locken. Seine erste Frage galt dem Instrument, auf dem er spielen sollte. Wie gut, dass das Theater schon damals mit einem gepflegten Steinway-Konzert-Flügel punkten konnte.

Unter der musikalischen Leitung von GMD Carlos Spierer musizierten dann in dieser konzertanten Aufführung ein hochkarätiges Solisten-Ensemble und das Philharmonische Orchester Gießen. Stefan Mickisch führte vom Flügel aus durch die sechs Stunden Wagner pur, als Erzähler, als Erklärer, als Pianist stets im Dialog mit dem Publikum und in musikalischer Gemeinschaft mit allen Beteiligten. Die so entstandenen, inzwischen legendären solitären RING-Aufführungen, die das Publikum „krönte“, als es aufstand und einhelligen Jubel ausbrach, „zauberten ein Hauch von Bayreuth ins Stadttheater“.

In den Jahren danach folgten Erzählkonzerte zu HOFFMANNS ERZÄHUNGEN, DER FLIEGENDE HOLLÄNDER, TRISTAN UND ISOLDE und ARIADNE AUF NAXOS, zudem ein Richard Strauss-Abend sowie zuletzt sein Programm, in dem er TONARTEN UND STERNZEICHEN zum Gegenstand eines unterhaltsamen Programms über Himmelskörper und die damit korrelierenden Klänge machte. Wer konnte in 2020 ahnen, dass die coronabedingte Verschiebung seines Gastspiels nicht mehr würde stattfinden können.

Wer ihn erlebte war gleichermaßen beeindruckt von dem begnadeten Spiel des Klaviervirtuosen und von der Art seiner Darbietung: Mickisch beherrschte die von ihm präsentierten Werke des Musiktheaters und der Konzertliteratur bis in deren thematische Grundwurzeln – und das meiste  hatte er auswendig im Kopf, was es ihm erlaubte, frei zu sprechen und nach Bedarf Leitmotive, Verschlingungen und verborgene Zusammenhänge aus den Tasten zu zaubern und dabei auch für nicht Profi-MusikliebhaberInnen so zu erlutern, dass sie diese erkennen konnten. Dabei schlug er einen saloppen Plauderton an, in dem er – stets auf hohem intellektuellen Niveau und pointensicher – die Hintergründe zu den komplexesten Werken anschaulich und nachhörbar vermittelte. Mickisch verband Wissenschaftlichkeit mit Entertainment zu einer speziellen Mixtur, die im höchsten Maße anregend war und zudem half, Berührungsängste abzubauen.

„Und auch wenn Entwicklungen der letzten Jahren ihn partiell manchmal verzweifeln ließen und er seinen sehr eignen, sehr streitbaren Gedankengängen zu kulturpolitischen Themen, Umweltfragen oder in letzter Zeit insbesondere auch zum Umgang mit Corona freien Lauf ließ und sich dabei teilweise verhoben hat, worüber wir naturgemäß auch sehr angeregt streiten konnten, so bleibt er einer der ganz wichtigen Wegbegleiter unserer Arbeit der letzten Jahre, ein wirklicher Freund des Stadttheaters, der niemals einen Unterschied zwischen großen Opernfestspielen und seinem Gießener Publikum machte“, so Stadttheater-Intendantin Cathérine Miville. „In Gießen erinnern wir uns an einen Star zum Anfassen – ob bei der Autogrammstunde im Foyer oder nach seinen Vorstellungen im Stadtcafé. Wir werden ihn sehr vermissen.“

 

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