Nationaloper Prag bei der Eröffnung am 05. Januar 2020 nach der dreijährigen Renovierung. Foto: Jakob Fulín.
Nationaloper Prag bei der Eröffnung am 05. Januar 2020 nach der dreijährigen Renovierung. Foto: Jakob Fulín.

Prag vor dem deutschen Einmarsch 1938

Die drei Prager Opernhäusern starten mit „Musica non grata“ ein tschechisch-deutsches Projekt.

75 Jahre nach Kriegsende startet in Prag der auf vier Jahre angelegte Zyklus „Musica non grata“, der an die reiche Prager Musiktradition vor 1938 anknüpft. Mit Unterstützung der Tschechischen Regierung und des Deutschen Bundestags, der dem Deutschen Auswärtigen Amt die finanziellen Mittel für das Projekt zur Verfügung gestellt hat, finden in den drei Prager Opernhäusern zahlreiche Konzerte, Opernproduktionen und Kammermusikkonzerte mit Werken tschechisch-jüdisch-deutscher Herkunft statt.

Über vier Jahre soll die Erinnerung an eine Gruppe von Komponisten und ganz besonders Komponistinnen, die eine besondere Beziehung zu Prag und zur Tschechischen Republik haben, gewürdigt werden. Die drei historischen Prager Opernhäuser Staatsoper, Oper des Nationaltheaters und Ständetheater beteiligen sich an dem Zyklus, der am 6. September 2020 mit einem Konzert in der Staatsoper (vormals Deutsches Theater) eröffnet werden soll. Weitere Programmpunkte und Termine, z. B. für die Weinberger-Oper „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ werden zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben.

Initiiert vom neuen Künstlerischen Leiter der Prager Opernhäuser, Per Boye Hansen, wird das ambitionierte Projekt getragen von den beiden Musikdirektoren Jaroslav Kyzlink (Oper des Nationaltheaters) und Karl-Heinz Steffens (Staatsoper), Ondřej Hučín als Chefdramaturgen der Oper und Künstlerischem Leiter von Musica non grata, den Prager Ensembles, namhaften tschechischen Künstlern sowie zahlreichen internationalen Gästen. Das vielseitige Programm verbindet große Oper mit Sinfonik, Kammermusik und Liederabenden und wird durch Symposien und weitere Forschungsvorhaben begleitet.

Einen Fokus des Projekts bilden die sogenannte Entartete Musik und ihre Schöpfer. Zahlreiche Künstler beraubten die Nationalsozialisten ihrer Existenz und viele von ihnen wurden vertrieben oder ermordet. Dabei erklingen nicht nur Werke der Theresienstädter Komponisten Pavel Haas, Hans Krása, Gideon Klein und Viktor Ullmann, sondern auch eine Reihe von Komponisten, deren Schicksal von der Ideologie der aufstrebenden Macht des „Dritten Reiches“ betroffen war, wie Franz Schreker, Erwin Schulhoff, Rudolf Karel, Emil František Burian, Karel Berman oder Ludmila Peškařová. Auch Werke emigrierter Komponisten wie Ernst Křenek, Erich Wolfgang Korngold, Alexander Zemlinsky, Jaromír Weinberger, Bohuslav Martinů, Jaroslav Ježek, Vítězslava Kaprálová, Paul Hindemith, Kurt Weill oder Hanns Eisler werden erklingen.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Musik aus weiblicher Hand. Waren die 20er und frühen 30er Jahre doch auch eine Zeit der Emanzipation von Komponistinnen. Frauen wie Vítězslava
Kaprálová, Ludmila Peškařová, Emmy Destinn, Julie Reisserová oder die schottisch-tschechische Komponistin Geraldine Mucha traten aus dem Schatten ihrer männlichen Kollegen. Deshalb soll auch diese bisher wenig beleuchtete Facette des Musiklebens endlich vom Schattendasein befreit und einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden, über die Grenzen Prags hinaus. Sämtliche Aufführungen der Musica non grata werden digital durch Streaming zugänglich gemacht und zum Teil im Anschluss daran auf DVD, CD und in Online-Archiven verfügbar sein.

Auch einige der Klassiker des 20. Jahrhunderts werden bei Musica non grata abgebildet: Igor Strawinski, Alban Berg und Arnold Schönberg, deren „entartete“ Musik ebenfalls von der nationalsozialistischen Ideologie missbilligt wurde. Selbst Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy und Gustav Mahler – die die europäische Musikgeschichte wesentlich geprägt haben – fielen dem Rassenwahn des Regimes zum Opfer.

Eines der Ziele des Projekts Musica non grata ist daher, an die Verhältnisse zu erinnern, die in unserem gemeinsamen mitteleuropäischen Raum vor nicht allzu langer Zeit herrschten, und dazu beizutragen, dass die Nachwelt die Fehler ihrer Vorfahren nicht mehr wiederholt. Vor allem aber soll Musica non grata eine Huldigung an die Musik sein, eine Hommage an eine Kunst, die nicht zum Schweigen gebracht werden kann.

Eröffnungskonzert Musica non grata
Staatsoper Prag (Státní opera)
Sonntag, 6. September 2020, 19.00 Uhr
Dirigent: Karl Heinz Steffens
Programm:
Vítězslava Kaprálová:
Konzert für Klavier und Orchester d-Moll, Op. 7
Alexander Zemlinsky:
Psalm 23 für gemischten Chor und Orchester
Psalm 13 für gemischten Chor und Orchester
Bohuslav Martinů:
Tschechische Rhapsodie für Bariton, gemischten Chor, Orchester und Orgel
 

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