Christoph Eschenbach, hier in seinem Stammhaus, dem Konzerthaus Berlin. Foto: Marco Borggreve
Christoph Eschenbach, hier in seinem Stammhaus, dem Konzerthaus Berlin. Foto: Marco Borggreve

Mahlers Neunte in Köln mit Eschenbach

Wird die Musik zu schön, hustet uns das Leben was.

Beschwörend hielt Christoph Eschenbach die Arme in der Luft und ließ sie im Zeitlupentempo sinken. Die letzten Klänge von Mahlers Neunter, unfassbar wie das ganze Werk, waren vergangen, bei vielen machte sich andächtige, bei manchen nervöse Stimmung breit in dieser Stille, in die hinein Mahler Ich und Welt entlässt.

Wobei die Welt eben auch von einer gewissen Zahl älterer Damen bewohnt wird, die es mit der Ruhe nicht so haben. Und so musste der Rezensent an beiden Konzertabenden Zeuge, nein: Opfer davon werden, wie jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung zum Trotz jeweils (nicht nur, aber auch) unmittelbar vor ihm zum Ende des vierten Satzes in die bittersüß vergehenden Streichereinheiten mit unbeherrscht-laut nervösem Dauerhusten erwähnter Konzertbesucherinnentypus zum akustischen Vernichtungsfeldzug ansetzte.

Nun ist das Kölner Publikum ja eh besonders HNO-affin. Hustenbonbons gehören daher schon lange zum Kundenservice des Hauses. Die Spannung nicht aushalten zu können, die Eschenbach aus dem WDR Sinfonieorchester herausgeholt hatte, dürfte aber auch ein Symptom für Unvollkommenheiten anderer Dimensionen sein: Je leiser das Orchester, desto lauter die Hustenden. Es ist ja kaum Musik da - Hilfe, hier ist so still! Bei den einen löst sich tiefstes Psycho-Sehnen in Seligkeit. Bei den anderen der Neuro-Schleim in Husten.

Wenn Mahler und Eschenbach einen zuvor nicht so intensiv gelehrt hätten, wie nah Schönheit und deren Bedrohung zusammen liegen - man könnte zum Stubenhocker werden. Aber das Leben und die Kunst, sie kommen sich in Sternstunden ganz nah. So wie in den beiden Konzerten des WDR Sinfonieorchesters unter Christoph Eschenbach. Ich habe das Orchester in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten noch nie so gut gehört. Andere erfahrene Konzertbesucher teilten diese Einschätzung.

Hier gilt es also einerseits, sich tief vor Christoph Eschenbach zu verneigen. Aber auch vor den Musikerinnen und Musikern. Tiefste Ernsthaftigkeit und bedingungslose Konzentration umflorten den ganzen Klangkörper wie eine heilige Aura. Jede Instrumentengruppe wuchs weit über das gewohnt gute Niveau hinaus. Der Streicherklang hatte atemberaubende Brillanz und schier unendlich konzentrierte Spannung, wie sie nur Spitzenorchester unter großartiger Leitung zustande bringen. Die Blechbläser spielten unerhört beseelt und klangschön. Die Holzbläser intonierten extrem fein und sensibel. Schlagwerk und Harfen gaben das Ihre mit Sinn und Verstand dazu. Wie Eschenbach das Zerklüftete in Schönklang kleidete, ohne es zu kaschieren, war eine interpretatorische Weltleistung.

Die ersten Teile der beiden Abende in der Kölner Philharmonie galten den Vier letzten Liedern bzw. sechs Orchesterliedern von Richard Strauss, wunderbar ausgeglichen vorgetragen von Hanna-Elisabeth Müller. Die Mannheimerin hat sich vom Mega-Talent zu einer großen Sängerin entwickelt. Ein lyrischer Sopran made in Germany, edel, sinnlich und klug. Möge jeder Husten ihr fern beiben! J. Schmitz

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