Jan Lisiecki. Foto: Christoph Köstlin/Deutsche Grammophon
Jan Lisiecki. Foto: Christoph Köstlin/Deutsche Grammophon

Jan Lisieckis Petitessen

In seinem aktuellen Solo-Programm, mit dem er nun in Köln Station machte, meidet Jan Lisiecki die große Form.

In der Kölner Philharmonie, die in vorbildlicher Weise das weltweite Musikgeschehen abbildet und viele wichtige Orchester, Ensembles und Solisten zu Gast hat, spielte Jan Lisiecki einen Soloabend, der ihn entgegen aller PR-Bemühungen keineswegs als Überflieger hören ließ. Vielmehr machte der Abend vor allem eines klar: Reife braucht Zeit. Das ist kein Vorwurf, sondern schlicht eine Feststellung. Und zugleich rührt diese These an das Geheimnis der großen Musiker. Ob nämlich das, was ihnen zu Größe verhilft, erlernbar ist. Diese Frage wird auch in Beziehung auf den jungen kanadischen Pianisten nur die Zukunft beantworten können.

Für sein aktuelles Programm hat er vor allem Mendelssohn und Chopin studiert: Lieder ohne Worte op. 67, Rondo capriccioso E-Dur op. 14 und die 17 Variations sérieuses op. 54 des Deutschen sowie je Deux Nocturnes op. 27 und op. 62 und die vierte Ballade des Franzosen. Zur Eröffnung gab es das wunderbare Capprccio von Bach BWV 992 "sopra la lontananza del frato dilettissimo", also über die Abwesenheit des Bruders Johann Jacob, der 1704 an den schwedischen Hof reiste. Dazwischen Beethovens Rondo a capriccio, das unter dem irreführenden Beinamen "Wut über den verlorenen Groschen" populär wurde und eine Valse Caprice Es-Dur von Anton Rubinstein.

Eine Marotte Lisieckis verdeutlicht vielleicht ein wenig, was seinem Spiel (noch) fehlt: Mitunter bewegt er einzelne Finger, die die Melodiestimme spielen auf den Tasten hin und her, als wolle er dem Ton mehr Vibrato geben, als wolle er die Intensität steigern. Genau diese Intensität konnte man tatsächlich vermissen. An der Oberfläche ist Lisieckis Spiel wunderschön, er hat Mut auch zu extremen Piani, bleibt immer klar. Die Stimmungstiefe fehlt allerdings. Die Bedeutungsebene bleibt blass. Auch der Mut, sich ganz in die Musik fallen zu lassen, darf noch größer werden.

Überdeutlich wurde dies bei Rubinstein. Dieses Schmankerl kam korrekt-steif daher, statt launig die Freiheit auszukosten. Die Lieder ohne Worte wirkten ebenfalls irgendwie brav, die großen Gefühle blieben unentdeckt in der kleinen Form. Und auch bei Chopin blieb viel Raum für unhörbar gebliebene Sehnsüchte. Dennoch: Lisiecki ist natürlich eine Riesenbegabung. Wenn die künstlerische Persönlichkeit mitwächst, kann er ein Großer werden, der die Seele zum Schwingen bringt.

Gerade aber für ein bewusst dem Kapriziösen gewidmetes Programm fehlt ihm noch die innere Freiheit und die Lust, die eigene Musikalität bis an die Grenze auszukosten. Als Zugabe spielte er übrigens die Einleitung der Goldberg-Variationen. Als ob er mit Blick auf die große Form habe sagen wollen: Ich kann auch anders. Es blieb derweil bei der Ankündigung. J. Schmitz

 

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