Komponistin Maria de Alvear. Bild: Philip Lethen
Komponistin Maria de Alvear. Bild: Philip Lethen

Komponistin Maria de Alvear wird 60

Die Kagel-Schülerin entwickelt Ihr Schaffen abseits der Grabenkämpfe der Neuen Musik.

„Veränderungen zuzulassen gehört zu den schwierigsten Dingen im Leben“, so die Komponistin Maria de Alvear und doch ist die Veränderung die Essenz ihres künstlerischen Schaffens. Kaum eine andere Komponistin unserer Zeit weist ein derart ständig sich wandelndes Oeuvre auf wie die deutsch-spanische Musikerin, die am 25. Oktober 2020 ihren 60. Geburtstag feiert. Mit zwei neuen Kompositionen steht sie jetzt kurz vor der Komplettierung ihres vierteiligen Zyklus „Im Kern“.

Maria de Alvear wuchs in einem kulturell orientierten und politisch freigeistigen Elternhaus auf und entwickelte schon früh Interesse an Themen, die über die bloße Produktion von Kunst hinaus gehen. Ihre Neugier brachte sie zur Musikanthropologie und zur intensiven Auseinandersetzung mit der ursprünglichen Sprache der Musik. Was ist die Wirkung von Musik und welche Rolle spielen Melodien in den vier Körpern, die den Menschen ausmachen?

Die vier Körper, das sind der physische, der mentale, der emotionale und der spirituelle Körper - allesamt von der Komponistin als Teile unseres Seins beschrieben und entsprechend in Töne gefasst. Lediglich der spirituelle Körper wartet auf seine kompositorische Umsetzung, doch die soll noch in diesem Jahr erfolgen.

„Im Kern“ heißt der Zyklus, dessen erster Teil, die Vertonung des physischen Körpers, bereits 2011 entstand und für das spanische Trio Arbós geschrieben war. Die Komponistin selbst beschreibt das Werk als musikalisch hochkomplex und physisch fordernd. Dem emotionalen Körper widmet sich das neue Stück „Im Kern II“, das während der mehrwöchigen Ausgangssperre in Madrid entstand und dessen digitale Premiere im Juni 2020 auf dem YouTube Kanal des Centro Nacionál de Difusión Musical ausgestrahlt wurde. Ausführende waren wiederum die drei Mitglieder des Trio Arbós, die ihre Einzelpartien von zuhause aus eingespielt und anschließend in einem Video zusammengesetzt haben.„Im Kern II“ nimmt Bezug auf die durch Corona ausgelösten Ereignisse und verarbeitet sowohl den Tod des Vaters von José Miguel Gómez (Cellist im Trio Arbós) sowie die Erfahrung menschlicher Wärme und Hilfsbereitschaft.

Eine analoge Uraufführung des Stückes ist für das Frühjahr 2021 geplant. Da könnte dann auch „Im Kern III“, die Vertonung des mentalen Körpers zur Aufführung kommen. „Im Kern III“ ist eine Komposition für Blasquintett, geschrieben für das spanische Ensemble Spanish Brass, und setzt die Vorstellung des mentalen Körpers in einen Klang, den Maria de Alvear selbst als „stur, anstrengend und ausgesprochen klar strukturiert“ beschreibt.

Maria de Alvear hat den Schrecken der Pandemie und der daraus entstandenen Isolation durch die Beobachtung der Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe überwunden und kreative Energie daraus gewonnen. Die Welle der Solidarität, die sie in Madrid erlebte, hat ihr Kraft zum Komponieren gegeben und sie steht nicht still und bleibt mit jeder Faser ihres Körpers weiter wandelbar und offen für Veränderung. In den 60 Jahren ihres Daseins hat sie sieben Leben gelebt, so die Komponistin, deren Neugier auf die verändernde Kraft der Musik stets der Antrieb für ihr Schaffen war.

Für ihr 61. Lebensjahr wünscht sie sich die Fertigstellung ihres Klavierkonzerts, an dem sie seit sieben Jahren arbeitet. Und zwei Opern hat sie schon im Kopf, doch dafür fehlt ihr im Moment noch die Zeit.

Ein schönes Beispiel für ein ruhig fließendes Soundscape-Werk der Spanierin unter dem Link:

https://www.youtube.com/watch?v=uTV3wSbeE9Q

Zur Übersicht