Keith Jarrett | Munich 2016

Keith Jarrett | Munich 2016

In seltenen Momenten kann Musik Wunden heilen. Der Abend des 16. Juli in der Münchener Philharmonie war ein solcher“, lauteten die letzten Sätze meines Essays, das Keith Jarretts Solokonzert 2016 im Gasteig reflektierte (FONO FORUM 09/16). Die Wunden rührten vom grausamen Massaker, das ein Terrorist zwei Tage zuvor in Nizza angerichtet hatte. Unmittelbar vor dem Stammhotel Jarretts, der den Horror hautnah miterlebte.


Die Medien waren voller Schreckensbilder, die nicht nur mich lange Zeit verfolgen sollten. Eingeweihte rechneten daher mit einer Absage des Konzerts. Doch der als divenhafter Publikumsschreck allzu oft kritisierte Jahrhundert-Pianist betrat am Abend des 16. Juli nur 48 Stunden nach dem Attentat die dunkle Bühne, setzte sich an den Flügel und spielte für die 2400 atembeklommenen Zuhörer ein den Umständen mehr als würdiges Konzert. Nicht wenige sprachen danach von einem seiner besten Soloauftritte der letzten Jahre. Verbunden mit dem Wunsch, dieser Abend würde auf Tonträger verewigt werden. Genau dieser liegt nun, gut drei Jahre später, vor.
Jarrett erwähnte mit keinem Wort das Trauma der letzten Stunden, aber er zelebrierte mit großer Würde und lyrischer Anmut einen Abend, den man nur als Katharsis empfinden kann. Eine emotionale Reinigung, die den Künstler in seltener Demut zeigte und das Publikum nicht unberührt ließ. Ein großartig klingender und perfekt gestimmter Steinway leistete seinen Beitrag zu einem Konzertgenuss, den man nun auf zwei CDs nachvollziehen kann.
Die für Jarrett typische sperrige Ouvertüre beinhaltet zwar aufwühlende Momente, ist aber von einem eher besinnlichen Atem geprägt. Bereits nach wenigen Minuten wird das freie Spiel durch einen Groove gezähmt. Untrügliches Zeichen dafür, dass der Künstler das Instrument, den Saal und das Publikum angenommen hat. Dieses erlöst Jarrett nach dem Ausklingen des ersten Parts aus seiner Schockstarre, indem er gönnerhaft raunt, man dürfe ruhig klatschen. Rauschender Beifall. Auf Wunsch des Künstlers wurden diese und auch weitere Ansagen von Ihm für die Veröffentlichung weggeschnitten.
Mit dem dritten Stück liefert Jarrett schon sehr früh einen der lyrischen Höhepunkte des Abends. Ohne auf Versatzstücke zurückzugreifen, zaubert er eine berückende Melodie, die die Substanz für einen Standard hat.
Nach der Pause erneut ein lyrisches Stück, nach dessen Ende Jarrett wieder ans Mikrofon trat und meinte, dies wäre eigentlich bereits das Ende. Er wolle sich nicht wiederholen. Doch mit der Bemerkung „Manchmal hilft der Blues“ setzt er sich wieder an den Flügel und erweckt den Urahn des Jazz zu neuem Leben, wie er es schon so oft in seinen zahllosen Solo-Rezitals, aber auch mit seinem Standard-Trio getan hat.
Es folgen noch drei Parts, in denen die Grenzen zwischen Jazz und moderner Klassik verschwimmen. Frappierend die Perfektion von Anschlag und Intonation. Man könnte so stundenlang mitreisen, im Geiste die Spätromantiker aufleben lassen, Schemen des Akkord-Tüftlers Skriabin heraushören, bevor wir durch einen wieder aufwühlenden freien Part geweckt werden.
Kaum hat sich der frenetische Beifall gelegt, rundet Jarrett den Charakter eines berührenden Abends durch drei betörende Zugaben ab. Zunächst mit „Answer Me“, ein Wiegenlied aus der Feder des Allgäuer Komponisten Gerhard Winkler, das Nat King Cole und Joni Mitchell zu einem unvergesslichen Ohrwurm gemacht haben. Selbst dem in Moll gehaltenen „It᾽s A Lonesome Old Town“ gibt Jarrett eine durchaus optimistische, ja fast fröhliche Note. Mit einem hoffnungsvollen „Somewhere Over The Rainbow“ werden wir in eine Welt entlassen, die heute, drei Jahre nach diesem Konzert in einem Zustand ist, an dem selbst Wundenheiler resignieren dürften.

Reiner H. Nitschke

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Keith Jarrett: Munich 2016; Keith Jarrett (p); ECM / Universal (2 CDs)

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