Keith Jarrett | La Fenice

Keith Jarrett | La Fenice

Keith Jarrett hat es seinen Fans nie leicht gemacht. Er verzauberte sie oft mit großer Schönheit und Erhabenheit. Er verstörte aber auch mit schwer verdaulichen Exkursionen ins Atonale. Wer ihm da nicht folgen konnte oder wollte, schaltete ab, wer mit ihm auf die Reise ging, begab sich in unbekannte Welten – „epische Reisen ins Ungewisse“ nannte Jarrett selber seine bisweilen 45-minütigen Live-Improvisationen. Drahtseilakte ohne Fangnetz. Selbstentäußerung bis an die Schmerzgrenze.

Für den Künstler selber schließlich an die Substanz gehend. Sein Körper zog die Notbremse. Chronisches Erschöpfungssyndrom  lautete die Diagnose, die zu einer Auszeit führte. Seine letzten ausufernden Improvisationen vor diesem Einschnitt sind in der 4-CD-Box „A Multitude Of Angels“ festgehalten. Vier Konzerte aus dem Jahr 1996, aufgenommen in Modena, Ferrara, Turin und Genua. Ein streckenweise enervierendes Mammutwerk, das selbst für große Keith-Jarrett-Fans einen eher dokumentarischen Wert darstellt. 

Mit dem nach seinem Solo-Comeback 2005 aufgenommenen Konzert in der Carnegie Hall verabschiedet sich Jarrett endgültig von seinen exzessiven Solo-Trips (FF 11/2006) und zeigt sich in intensivem Austausch mit einem frenetischen New Yorker Publikum in absoluter Hochform. Zwei Jahre später folgen die Konzerte in Paris und London, deren Mitschnitte den durchaus programmatischen Titel „Testament“ tragen (FF 12/2009), in denen er zwischen Verzweiflung und Hochgefühl schwankt. Und schließlich „Rio“ (FF 12/2011), dessen farbenprächtiges Cover schon signalisiert, dass der Klangzauberer im sonnigen Brasilien den Tasten des Steinways warme Serenaden und melodische Kleinode entlockt. Ein leuchtendes Juwel in der umfangreichen Diskografie des Meisters, der auf der letzten Musik Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Das geplante Konzert zur Preisverleihung musste Jarrett aus gesundheitlichen Gründen leider absagen.

In einer Blitzaktion zauberte dafür sein Label ECM die Doppel-CD „La Fenice“ aus dem Hut. Ein Live-Konzert vom 19. Juli 2006, aufgenommen im legendären Opernhaus Gran Teatro La Fenice in Venedig. Drei Jahre nach der Wiedereröffnung des abgebrannten Konzerthauses entfachte Jarrett gleich in den ersten beiden Stücken ein disharmonisches Feuer, um sich aufzuwärmen, um im dritten Part – wie oft zeleb-
riert – zu den Blues- und Boogie-Wurzeln zurückzukehren. Insgesamt verlangt der erste Teil des Konzerts dem sehr aufmerksamen Publikum einiges ab. Dafür wird es im zweiten Teil durch einen hörbar entspannten Protagonisten belohnt. Jarrett fühlt sich im hervorragend klingenden Opernsaal wohl und vom Publikum geliebt, flicht nach Part 6 sogar völlig überraschend ein melodisches Stück aus der Operette „The Mikado“ von Gilbert und Sullivan ein, erinnert mit der ersten Zugabe „My Wild Irish Rose“ an sein wunderbares Album „The Melody At Night With You“. Romantik pur im Herzen Venedigs.

„La Fenice“ ist nicht so knackig wie das strahlende „The Carnegie Hall Concert“ und weniger spannungsreich als das eher düstere „Testament“, aber es ist ein abwechslungsreiches Konzert, das dem würdevollen Rahmen gerecht wird. Es wird seinen festen Platz im eigenen Kosmos dieses Jahrhundert-Künstlers finden.

 Reiner H. Nitschke

 

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Keith Jarrett: La Fenice; Keith Jarrett (p); ECM/Universal (2 CDs)

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