Florian Weber. Bild: Christoph Bombart
Florian Weber. Bild: Christoph Bombart

Neue-Musik-Preis an Jazzer

Die Forberg-Schneider-Stiftung verleiht den mit 20.000 Euro dotierten Belmont-Preis an den Jazzpianisten Florian Weber, einen – in ihren Augen – der wesentlichen musikalischen Neuerer der zeitgenössischen Musik.

Florian Webers musikalisches Bezugssystem scheint unerschöpflich: von Maurice Ravel, Arnold Schönberg und Karlheinz Stockhausen bis hin zu Lee Konitz, John Taylor, Paul Bley oder zur sogenannten Weltmusik. Zentrum seiner Musik ist die Improvisation. „So unbegrenzt die Möglichkeiten, so ökonomisch und konzentriert ist sein Klavierspiel. Anstelle der postmodernen Geste tritt die Arbeit an der musikalischen Substanz“, so das Kuratorium der Stiftung.

Florian Weber (Jahrgang 1977) erfährt früh die Wertschätzung renommierter Fachkollegen, steht bereits während seines Studiums in Köln und am Berklee College of Music in Boston mit improvisierenden Musikern wie Michael Brecker, Albert Mangelsdorff, Eddie Henderson und Benny Bailey auf der Bühne oder im Studio. Internationales Renommee erwirbt er auch mit seinem Trio Minsarah und dessen gleichnamiger Debüt-CD (2006). Sein späterer Mentor Lee Konitz nimmt mit Minsarah nach „Deep Lee“ (2007) im Jahr 2012 das legendäre Konzert „Live at the Village Vanguard” auf.

Florian Weber versteht Improvisation als modernes, spontanes Komponieren. Es ist getragen von großer Entdeckerlust und Offenheit. Sein neues New Yorker Quartett besetzt Weber mit Mitspielern, an denen ihn vor allem „Unterschiede zwischen den Musikern und ihren Improvisationstechniken interessieren.“

Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit, „Lucent Waters“, Ende 2018 bei ECM erschienen, wird von der Fachpresse überschwänglich gelobt. Die New York Times feiert „eine Ästhetik des aerodynamischen Fliessens“ einer Musik, die niemals auftrumpfen oder überwältigen will und in deren Zentrum ein enorm flexibler, luzider, modulationsfähiger Klavierklang steht. In sein neuestes Programm bezieht Florian Weber Mitglieder des Frankfurter Ensemble Modern mit ein, inspiriert von Arnold Schönbergs selbstentwickelter Schachvariante „Koalitionsschach“ – nicht nur, was die Regeln des Zusammenspiels angeht.

Florian Weber kommt als Sohn einer Opernsängerin und eines Musikprofessors früh mit klassischer Musik und dem Klavierspiel in Berührung. Dass sein vermeintlich vorgezeichneter Weg ihn zunächst zum Studium der Mathematik, Physik und Biologie führt, bezeugt sein universales Interesse, das sich immer wieder auch in seiner Musik offenbart. Er lebt abwechselnd in Osnabrück und in New York.

Die 1997 gegründete Forberg-Schneider-Stiftung fördert herausragende Leistungen auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik. Sie tut dies durch die Vergabe des Belmont-Preises, der möglichst alle zwei Jahre verliehen wird. 2020 ehrt sie mit Florian Weber einen Musiker und Komponisten, „dessen Spiel das Risiko weder scheut noch ausstellt, sondern ganz selbstverständlich den Eindruck einer unerhörten musikalischen Freiheit vermittelt“. Der Preis zählt zu den höchstdotierten Auszeichnungen für künstlerisches Schaffen in Europa.

Bisherige Belmont-Preisträger für zeitgenössische Musik: 2018: Eamonn Quinn, Kurator/ Begründer LCMS (Dundalk) • 2015: Milica Djordjević, Komponistin (Belgrad, Berlin) • 2013: Sabrina Hölzer, Regisseurin (Berlin) • 2012: Alex Ross, Autor/Musikkritiker (New York) • 2009: Marino Formenti, Pianist/Dirigent (Wien) • 2007: Bruno Mantovani, Komponist (Paris) • 2005: Quatuor Ebène, Streichquartett (Paris) • 2004: Carolin Widmann, Geigerin (Leipzig) • 2001: Florent Boffard, Pianist (Paris) • 1999: Jörg Widmann, Komponist/ Klarinettist (München, Berlin)

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