Jazz Man walking - Salzburg 2019. Bild: Henry Schulz
Jazz Man walking - Salzburg 2019. Bild: Henry Schulz

Jazz in Salzburg auf vielen Touren

Blind Date, Improvisation, Wanderkonzerte: Jazz & the City machte seinem Namen wieder alle Ehre.

Mit „Welcome to your city“ begrüßte die belgische Anarcho-Big-Band Flat Earth Society das Publikum bei der 20. Ausgabe von Jazz & The City Salzburg.

„I love the power of art, as it lets us have a conversation about our shared humanity.“ Diese von der Sängerin Somi mitgeteilte Menschlichkeit kam bei diesem Festival spürbar zum Tragen, insbesondere bei den Blind Dates, einem Format, das sich seit nunmehr zwei Jahren gut etabliert hat. Zwei Musiker, die sonst noch nie miteinander gespielt haben, treffen aufeinander und spielen miteinander erstmals vor Publikum.

Das wurde in diesem Jahr noch einmal gesteigert, als im Toihaus die Musiker im Dunkeln spielten und weder Publikum noch Musiker wussten, wer im Raum war. So fanden sich der französische Schlagzeuger Edward Perraud und der New Yorker Klarinettist Oran Etkin vorsichtig tastend im schwarzen Bühnenraum und ein magischer Moment entstand.

„Die Festung entern“ … war nur eine der Aktionen von Tina Heine und Co-Kurator Oliver Hangl im öffentlichen Raum, die den Jazz noch präsenter und prägnanter in die City brachten. Mit den Musikern von Albers Ahoi und Gästen wie u.a. den Musikern vom Hamburger JazzLab erklommen gut einhundert Wanderlustige am Samstag singend und tanzend die Festung.

Oben angekommen ging der Reigen erst richtig los, etwa als Intendantin Tina Heine den „Salzburger Stier“ im Duo mit dem New Yorker Trompeter Volker Goetze bediente - als erste Live-Interpreten überhaupt in gut 300 Jahren. Mobile Bühnen, Klangspaziergänge und spontane Aktionen im Stadtraum begeisterten Musiker wie Besucher.

Habib Koité spielte ein wunderbar entspanntes Set und meinte: „Playing music for you is a big honor. I hear that entrance is free. That means it‘s a gift and that is great.“

Jazzfans bis sieben lernten bei Nane Frühstückl im Babogi Jazzkindergarten den Apfel-Blues oder genossen exklusive Backstage-Touren, besuchten HipHop-Tanzworkshops oder ließen sich von Klarinettist Oran Etkin und seinem preisgekrönten Projekt Timbalooloo in die Klangwelten des Jazz, der Roma oder Afrikas einführen. Weiteres Highlight: ein gar nicht kindisches Konzert von Pepe & Speedy, angeführt von jenem Pepe Auer, der aufgrund seiner wunderbaren Wandlungsfähigkeit fast schon zum Inventar des Festivals gehört.

Jazz und Politik?

Eine enge Beziehung, die etwa der Gitarrist Jarmo Saari einging, wenn er mit seinen drei Drummern zu bewegenden Reden von Martin Luther King oder der Absage an Krieg und Rassismus aus Charlie Chaplins „Der große Diktator“ spielte. Mit ihren sanft dargebotenen Geschichten über ihren alltäglichen Kampf mit Rassismus und Ausgrenzung bewegte Mykia Jovan aus New Orleans die bis in die letzten Reihen gefüllte Kollegienkirche. Wildfremde Menschen nahmen sich in die Arme, Kinder lauschten andächtig – ein bleibendes Erlebnis.

Mittags heftig groovend, aber unplugged und subtil: mit dem portugiesischen Schlagzeuger Pedro Melo Alves vor 40 Leuten, die sich in die kleine Kunstgalerie Walentowski „verirrt“ hatten. Am frühen Abend vor großem Publikum "sanft revolutionär" im Trio mit Saxophon und Vibraphon als „Velvet Revolution“. Und gegen Mitternacht der Abschlussknaller des Festivals: noch einmal der Geiger Theo Ceccaldi heavy, megalaut, rockig, zum Bandnamen „Freaks“ passend. Von so vielen Seiten erleben sich Musiker und Publikum nur in Salzburg.

Es waren die Musiker, die ungewohnt häufig merkten: „Da sitzen oder stehen welche, die weder wissen, was sie erwartet, noch ob ihnen das gefallen wird.“ So ein Publikum für sich zu gewinnen, ist für sie spannender, als „nur“ vor Fans zu spielen.

 

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