Igor Levit | Beethoven: Sämtliche Klaviersonaten

Igor Levit | Beethoven: Sämtliche Klaviersonaten

Vor sechs Jahren erregte der junge Igor Levit, Jahrgang 1987, beträchtliches Aufsehen, als er für sein CD-Debüt die fünf „späten“ Sonaten Beethovens wählte und sie pianistisch und musikalisch in einer Weise ablieferte, die keinen Vergleich zu scheuen brauchte. Wohl auch auf Grund des Erfolgs dieser Premiere entschlossen er und Sony sich schon bald danach, die Fünfer-Serie zu einer Gesamtaufnahme aller 32 Klaviersonaten zu erweitern.

Das Ergebnis liegt jetzt auf neun ansprechend aufgemachten und ausführlich kommentierten CDs vor.
Was diese erste große Beethoven-Auseinandersetzung an der Schwelle zum Jubiläumsjahr seines 250. Geburtstags angeht, so muss Levit vorab attestiert werden, dass er die Sonaten auf Punkt und Komma vorbildlich genau wiedergibt: Wenn ich beim Abhören hin und wieder durch ein ungewohntes kleines Crescendo, ein Ritardando oder eine Akzentuierung aufgeschreckt wurde, so zeigte sich beim Mitlesen in der Urtextausgabe doch jedes Mal, dass er nur ernst genommen hatte, was meist überlesen oder überspielt wird. Glänzend hat Levit auch Beethovens ja erstaunlich häufige Pianissimo-Forderungen klanglich umgesetzt, zieht aus der Zurücknahme der Lautstärke bis an die Grenze des Machbaren nicht selten sogar besonders schöne, eindringliche Wirkung.
Überhaupt fällt auf, dass er es vermeidet, den gängigen Beethoven-Klischees zu folgen. Er verzichtet durchgehend darauf, seinem Spiel einen forciert heroischen, pathetischen oder auch nur düsteren Charakter zu geben. Statt kerniger Forcierungen des Anschlags herrscht über weite Strecken ein vergleichsweise weicher, harmonisch ausgeglichener Klavierklang. Vor allem in den frühen Sonaten klingt dadurch vieles eher unbeschwert.
Zu dieser gleichsam „natürlichen“, schlanken, auf jeden Fall niemals dräuend oder gehetzt wirkenden Spielweise passt auch, dass Levit sich keinerlei Manieriertheiten leistet. Neben gern etwas kurz, aber nicht unwirsch abgerissenen Schlussakkorden und „non legato“ gespielten Legato-Begleitungen  (zum Beispiel im populären Tempo di Menuetto aus der kleinen G-Dur-Sonate op. 49/2) fällt allein eine Vorliebe für leichte Dehnungen von Pausen innerhalb der Sätze auf. Er lässt hier gern für Augenblicke „den Atem stocken“, um die musikalische Spannung zu erhöhen oder um größere Formteile deutlicher gegeneinander abzusetzen.
Der Gesamteindruck von Levits Beet­hoven wird dann aber vor allem von seiner werkübergreifenden Tempo-Disposition bestimmt. Er gehört zum „schnellen Flügel“ der Beethoven-Pianisten, orientiert sich in etwa an den fordernden Metronom-Angaben des alten Frederic Lamond aus dem 20. oder des noch älteren Hans von Bülow aus dem 19. Jahrhundert. Manchmal geht er sogar darüber hinaus, nimmt schnelle Sätze noch schneller, wobei ihm gelegentlich, so im Schluss-Allegro
der „Trauermarschsonate“ op. 26, dank seiner überragenden manuellen Gewandtheit schier Traumhaftes gelingt. Ebenso zwingend wie verblüffend wirkt auch, wie blitzschnell, ohne die geringste grifftechnisch erzwungene Verzögerung, die für Beethoven so charakteristischen unvorbereiteten Forteschläge „kommen“.
Mit beidem unterstreicht Levit die Stringenz von Beethovens Komponieren, dessen Verdeutlichung ihm bei den Aufnahmen offenbar das primäre interpretatorische Anliegen war und die sein Klavierspiel in den hochfliegenden Ecksätzen der Waldsteinsonate, der „Appassionata“ oder auch der abschließenden großen Fuge aus der Hammerklaviersonate zu leidenschaftlichen, beinahe ekstatisch verdichteten Höhepunkten führt: Da herrscht Beethoven-Flair pur.
Eine (klanglich hochrangige) Auseinandersetzung mit einem der großen Werkkomplexe der Klaviermusik, in der es auf spielerisch denkbar hohem Niveau gelungen ist, die 32 Sonaten in einem weitgehend optimalen Ineinander von unanfechtbarer Texttreue und persönlich durchglühter Interpretation darzustellen.

Ingo Harden

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Beethoven: Sämtliche Klaviersonaten; Igor Levit (2013-19); Sony Classical (9 CDs)

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