Zwei-Mann-Orchester von Kagel in Aktion. Foto: Ute Schendel
Zwei-Mann-Orchester von Kagel in Aktion. Foto: Ute Schendel

„form per form“

Das Festival für Neue Musik NOW! widmet sich in seiner achten Ausgabe Werken des 20. und 21. Jahrhunderts, die das performative Element als wesentliches Gestaltungsmerkmal nutzen.

Vom 18. Oktober bis 5. November 2017 lädt die Philharmonie Essen gemeinsam mit der Folkwang Universität der Künste, der Stiftung Zollverein, PACT Zollverein und dem Landesmusikrat NRW zu 20 Veranstaltungen ein – darunter Konzerte, ein Podiumsgespräch, zwei Workshops und ein Kompositionsprojekt für Jugendliche. Unter dem Motto „form per form“ stehen Komponisten und Werke im Mittelpunkt, in denen sich die strengen Formgrenzen zwischen instrumentaler, vokaler und szenischer Gattung auflösen.

Oft besitzen sie einen Performance-Charakter. Uraufführungen von Thomas Neuhaus und Henrietta Horn, Christiane Strothmann, Johannes Kalitzke, Carola Bauckholt, Ondřej Adámek, Yasutaki Inamori und Misato Mochizuki gehören dazu, aber auch Klassiker wie Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“, Mauricio Kagels „Zwei-Mann-Orchester“ oder Philip Glass‘ „Einstein on the Beach“.

Veranstaltungsorte sind in diesem Jahr die Philharmonie Essen, die Folkwang Universität der Künste, das UNESCO-Welterbe Zollverein und das Museum Folkwang. Die Essener Philharmoniker eröffnen das diesjährige Festival mit ihrem 3. Sinfoniekonzert der Saison: Am 25. und 26.10., um 19:30 Uhr stehen in der Philharmonie Essen Béla Bartóks einaktige Oper „Herzog Blaubarts Burg“ und Arnold Schönbergs Monodram „Erwartung“ in semikonzertanten Aufführungen auf dem Programm. Mit Deirdre Angenent als Judith, Andrew Schroeder als Herzog Blaubart und Angela Denoke als „Eine Frau“ ist der Abend mit hochkarätigen Solisten besetzt. Ebenfalls am 26.10., um 18 Uhr präsentiert die Folkwang Universität der Künste in der Neuen Aula unter anderem die Uraufführung des Tanz-Musik-Projekts „Untier“ von Thomas Neuhaus und Henrietta Horn.

Einem außergewöhnlichen Ereignis kann das Publikum am folgenden Tag im Salzlager der Kokerei Zollverein beiwohnen: Am 27.10. um 12 Uhr führt ein tibetischer Bön-Mönch für die Elementargeister der Region ein Erdritual zum Abschied vom Steinkohle-Bergbau durch. Christiane Strothmann greift diese tibetische Tradition in ihrem neuen Werk „Die fünf Elemente“ auf, das am selben Tag um 16 Uhr im Salzlager zur Uraufführung kommt. Die Zuhörer werden hier durch die unterschiedlichen Klangwelten von Feuer, Wasser, Luft, Erde und Raum geführt. Viel Neues hat auch das Abendkonzert am 27.10., um 19:30 Uhr in der Philharmonie Essen zu bieten: Gemeinsam mit der Neuen Philharmonie Westfalen bringt der Dirigent und Komponist Johannes Kalitzke nicht nur seine eigenen „Türme des Vergessens“ zur Uraufführung, sondern präsentiert auch die deutschen Erstaufführungen von Beat Furrers „nero su nero“ und Helmut Oehrings Monodram „POEndulum“.  

Beendet wird das erste Festival-Wochenende mit zwei Konzerten in der Philharmonie am 28.10., um 16 Uhr. Zu Gast ist zunächst das Schlagquartett Köln unter anderem mit der Uraufführung von Carola Bauckholts „Plosiv und Frikativ“. Später darf man auf die Uraufführung von Ondřej Adámeks Konzert/Performance-Stück „Schreibt bald!“ gespannt sein, das auf Postkarten aus den Konzentrationslagern Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau basiert. Adámek selbst übernimmt am 28.10., um 18 Uhr im Alfried Krupp Saal die musikalische Leitung der Aufführung durch das ChorWerk Ruhr. Als „eine Dekonstruktion des Dirigierens und des Puppentheaters“ bezeichnet der dänische Komponist und letztjährige Kagel-Preisträger Simon Steen-Andersen seine „Black Box Music“ für Solo-Schlagzeug, 15 Instrumente und Video. Mit dem Wechselspiel zwischen Klang und Visuellem arbeitet Michael Beil in „Black Jack“  für Ensemble mit Live-Video und Zuspiel. Aufgeführt werden beide Werke am 31.10., um 20 Uhr in der Philharmonie Essen vom Ensemble Asko|Schönberg. Ein Gastspiel im Museum Folkwang präsentiert die Folkwang Universität der Künste am 1.11., um 14 Uhr. Zu den aufgeführten Stücken gehört hier unter anderem Karlheinz Stockhausens Musik- und Tanzstück „Der kleine Harlekin“ aus dem knapp einstündigen Werk „Harlekin“. Ganz im Zeichen des vor zehn Jahren verstorbenen Komponisten Mauricio Kagel steht ein weiteres Konzert am 1.11., um 16 Uhr in der Philharmonie: In seinem Concert Spectacle „Variété“ nimmt Kagel das Publikum mit in die bunte Variété-Welt mit ihren artistischen Darbietungen. Beteiligt sind neben dem E-MEX-Ensemble auch Schülerinnen und Schüler aus Essen und Gelsenkirchen. Ein Spektakel ganz außergewöhnlicher Art bietet einen Tag später Mauricio Kagels „Zwei-Mann-Orchester“. Vom 2. bis 5.11. ist das Werk sechsmal bei PACT Zollverein zu erleben, darunter zwei Konzerte für Familien und ein Schulkonzert. Nur zwei Performer bedienen in diesem originellen Stück einen riesigen Nonsense-Orchester-Apparat aus zahlreichen Instrumenten und mechanischen Bewegungselementen. Man darf sich auf eine Performance freuen, in der der Humor keinesfalls zu kurz kommt. Das Studio Musikfabrik, das Jugendensemble für Neue Musik des Landesmusikrats NRW, gestaltet ein Konzert am 3.11., um 17 Uhr im Salzlager der Kokerei Zollverein. Auf dem Programm steht neben Werken von Dieter Schnebel, Harrison Birtwistle, Toshio Hosokawa und Mauricio Kagel auch eine Uraufführung von Yasutaki Inamori; in „Miscommunication to Excommunication“ für großes Ensemble ziehen sich polyrhythmische Manipulationen durch das ganze Stück und verunsichern damit den Zuhörer. Vorwiegend dem Schaffen von Vertretern der jüngeren Komponistengeneration Japans widmet sich ein Konzert mit dem WDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Peter Eötvös am 3.11., um 19:30 Uhr in der Philharmonie Essen. Die Werke von Misato Mochizuki und Dai Fujikura entstanden in den letzten Jahren. Toru Takemitsus „Autumn“ (1973) ist hingegen schon ein Klassiker der Neuen Musik – und durch die Verwendung der japanischen Kurzhalslaute Biwa und der Flöte Shakuhachi als Soloinstrumente besonders reizvoll. Das Ensemble Modern hat beim italienischen Komponisten Oscar Bianchi ein interaktives Werk in Auftrag gegeben. Mit der Stimme, auf Alltagsgegenständen und modifizierten Instrumenten wie Blockflötenmundstücken musizierend, tritt dabei das Publikum in einen Dialog mit den Musikern, indem beide Gruppen durch ihr Spiel die musikalischen Aktivitäten der jeweils anderen beeinflussen. In einem Workshop am 3.11., um 15 Uhr hat das teilnehmende Publikum die Möglichkeit, sich auf die Mitwirkung in diesem Konzert vorzubereiten. Anmeldung und weitere Informationen bei Merja Dworczak unter T 02 01 81 22-826. Das Konzert selbst findet am 4.11., um 14 Uhr im RWE Pavillon der Philharmonie Essen statt. Jonathan Stockhammer leitet das Ensemble Modern.  

Als Höhepunkt und großes Finale des diesjährigen Festivals präsentiert die Philharmonie Essen eines der markantesten Musiktheater-Werke der vergangenen Jahrzehnte: Am 4.11., um 18 Uhr kommt Philip Glassʾ Oper „Einstein on the Beach“ nach einer Idee von Robert Wilson im Alfried Krupp Saal zur Aufführung. Hochkarätig ist die Besetzung mit dem Ictus Ensemble und seinem Dirigenten George-Elie Octors, dem Collegium Vocale Gent, beide in Belgien beheimatet, sowie der amerikanischen Sängerin und Songwriterin Suzanne Vega als Sprecherin. Glass hebt in seinem metaphorischen Stück die Grenzen von Musik und Text, Schauspiel und Gesang, Bild und Bewegung vollständig auf. Die Inszenierung in der visuellen Installation von Germaine Kruip versteht die Bühne als assoziativen Raum, der jeden einzelnen im Publikum seine eigene Geschichte erleben lässt.

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