Der Lappen muss hoch - und das seit 350 Jahren. Schmuckvorhang in der Semperoper. Foto: Matthias Creutziger
Der Lappen muss hoch - und das seit 350 Jahren. Schmuckvorhang in der Semperoper. Foto: Matthias Creutziger

Fast 350 Jahre bis Semper Zwei

Die Semperoper wird ihrem Ruf als eines der führenden Opernhäuser wieder gerecht: Der Spielplan für die neue Saison bietet klassische Opernkulinarik und öffnet gleichzeitig dem Neuen einen neuen Raum: Semper Zwei.

350 Jahre Oper in Dresden – das ist die stolze Bilanz, die man zu Beginn des Jahres 2017 ziehen kann. Denn am 27. Januar 1667 wurde als erster der Vorgängerbauten der Semperoper das »Klengelsche Opernhaus« oder das »Churfürstliche Opernhaus am Taschenberg« nach einem Entwurf des sächsischen Oberlandbaumeisters Wolf Caspar von Klengel eröffnet.

Dieses Datum gilt als Gründungstag der Dresdner Oper. Der neue Theaterbau war nach Wien (1651) und München (1657) die dritte Opernhausgründung im deutschsprachigen Kulturraum. An diese große musikalische Geschichte erinnert die Semperoper Dresden in der Spielzeit 2016/17 unter anderem mit einem Symposium im Februar 2017.

Nicht mit einem Neubau, aber mit der Eröffnung einer neuen Spielstätte im umgebauten Restaurantgebäude kann die Semperoper bereits im September 2016 aufwarten: Semper Zwei. Aber natürlich lebt Musiktheater vor allem davon, dass es gespielt, vor Zuschauern aufgeführt und weiterentwickelt wird, weshalb die Semperoper und ihr Publikum diese besondere Spielzeit unter der kommissarischen Intendanz von Wolfgang Rothe mit einem vielfältigen und anregenden Programm sowie mit neuen, ungewöhnlichen Formaten in Semper Zwei feiern.

Monstrositäten der Liebe, Begegnungen mit dem Fremden und Projektionen des Vertrauten prägen diesen Spielplan. Als Richard-Strauss-Haus widmet sich die Semperoper dem so bedeutenden Komponisten zunächst einmal mit einer Neuinszenierung seiner »Salome«. Omer Meir Wellber, der vor einigen Jahren sein erfolgreiches Hausdebüt mit »Daphne« gab, dirigiert die Sächsische Staatskapelle, Michael Schulz inszeniert die Geschichte um die Liebe als gewaltsame Selbstbespiegelung.

Um Wünsche und Sehnsüchte und ihre Spiegelung im Gegenüber geht es auch in Offenbachs »Les Contes d’Hoffmannn/ Hoffmanns Erzählungen«, die Regisseur Johannes Erath auf die Bühne bringt. Auch Malte C. Lachmanns Inszenierung der Burleske »Alles Schwindel« von Mischa Spoliansky geht dem Schein und Sein auf den Grund, das sich in einer Zeit der Verunsicherung, Anfang der 1930er-Jahre, manifestiert. Der Umgang mit dem Fremden, und sei es das Befremdliche, das die eigenen Gefühle und Wahrnehmungen hervorbringen, ist in Verdis »Otello« das Thema. Die Koproduktion mit den Osterfestspielen Salzburg feiert in der Regie von Vincent Boussard und unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann im Februar 2017 Dresden-Premiere.

Eine weitere Koproduktion mit den Osterfestspielen, Sciarrinos »Lohengrin«, schließt sich im April 2017 an. Keith Warner, der bereits mit mehreren Inszenierungen des Faust-Stoffs sowie zuletzt mit »The Great Gatsby« an der Semperoper Erfolge feierte, nimmt sich diesmal des »Doktor Faust« in der musikalischen Version Ferruccio Busonis an, in der es um die Überforderung des modernen Menschen durch all seine Möglichkeiten geht.

Mit Mozarts »Die Entführung aus dem Serail« stellt sich der Regisseur Michiel Dijkema an der Semperoper vor und legt die Verstörungen frei, die das Leben in fremder, aufwühlender Umgebung mit sich bringen. Mieczysław Weinbergs »Die Passagierin«, die Geschichte der Begegnung einer ehemaligen KZ-Aufseherin mit einer einst Gefangenen in der Inszenierung von Anselm Weber ist eine Übernahme von der Oper Frankfurt, mit der die Semperoper sich dem Thema Erinnern und Verdrängen stellt.

Auch das Repertoire hat unter anderem mit den Wiederaufnahmen »Das Rheingold« und »Siegfried« aus der »Ring«-Tetralogie unter der Leitung von Christian Thielemann glanzvolle Höhepunkte sowie immer wieder herausragende Gäste zu bieten, etwa Evelyn Herlitzius, Camilla Nylund, Nina Stemme, Stephen Gould, Gerhard Siegel, Kurt Streit oder Georg Zeppenfeld.

Ein Fest für den großen Menschenversteher unter den Komponisten sind an Ostern 2017 die »Mozart-Tage«, die neben der Premiere »Die Entführung aus dem Serail« die an der Semperoper neu inszenierten Mozart-Da-Ponte-Opern »Così fan tutte«, »Le nozze di Figaro« und »Don Giovanni« vereint sowie »La clemenza di Tito« und ein eigens von Omer Meir Wellber kreiertes Mozart-Pasticcio sowie verschiedene Konzerte. Zu erleben sind auf der Bühne unter anderen Maria Bengtsson, Ildebrando D’Arcangelo, Danielle de Niese, Giuseppe Filianoti, Véronique Gens, Lucas Meachem, Christoph Pohl und Ute Selbig.

Die Semperoper Junge Szene zeigt für Kinder ab sieben Jahren Jens Joneleits moderne musikalische Märchenfassung »Schneewitte« und kreiert für Jugendliche auch wieder ein neues Ballett: »Exit Orakel« von Joseph Hernandez, Tänzer im Corps de Ballet. Mit »the killer in me ist the killer in you my love« bringt die Semperoper außerdem ein Auftragswerk an den Komponisten Ali N. Askin zur Uraufführung. Die Kammeroper basiert auf Andri Beyelers gleichnamigem Schauspiel über die zweifelnde Identitätssuche von Jugendlichen, die sich in einem Schwimmbadaufenthalt manifestiert.

Zugleich eröffnet diese Uraufführung die Spielstätte Semper Zwei unter der künstlerischen Leitung von Manfred Weiß. Dieses neue, offene Haus für Menschen aller Altersgruppen wird Kammeropern des 20. und 21. Jahrhunderts sowie Uraufführungen renommierter zeitgenössischer Komponisten beherbergen, außerdem Revuen, Operetten und neue Formate wie »Tanz à la carte« für Mitmach-Choreografen, eine künstlerische Bar- und eine »Stimmkunst«-Reihe sowie Symposien. Vor allem die Musiktheater- und Tanzpädagogik sowie die Junge Szene haben ihren festen Platz darin, die hier unter anderem ein groß angelegtes Schulchorprojekt startet.

Das Semperoper Ballett ist nach zehn erfolgreichen Spielzeiten unter Ballettdirektor Aaron S. Watkin zu einer international renommierten Company geworden, was sich in zahlreichen Tourneen und Gastspielen niederschlägt. Neben ihrem vielseitigen Repertoire zeigt sie 2016/17 Aaron S. Watkins Neukreation von »Don Quixote« zur Musik von Ludwig Minkus und Manuel de Falla sowie den Dreiteiler »Vergessenes Land« mit Werken von George Balanchine, Jiří Kylián und William Forsythe.

Fast 400 Vorstellungen, acht Opernpremieren, zwei neue Ballettproduktionen sowie drei Premieren der Jungen Szene und über 30 Repertoirestücke in allen Sparten zeugen von einer künstlerisch lebendigen, anspruchsvollen und höchst produktiven Semperoper. Hinzu kommen 50 Konzerte der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die in einem eigenen Programm vorgestellt werden.

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