Catherine Lamb. Bild: Rui Camilo/EvS Musikstiftung
Catherine Lamb. Bild: Rui Camilo/EvS Musikstiftung

Ernst von Siemens Musikstiftung

Die Komponisten-Förderpreise der Ernst von Siemens Musikstiftung 2020 gehen an Samir Amarouch, Catherine Lamb und Francesca Verunelli.

Die drei Komponisten-Förderpreise der Ernst von Siemens Musikstiftung gehen 2020 an den Franzosen Samir Amarouch, die in Berlin lebende US-Amerikanerin Catherine Lamb sowie an Francesca Verunelli aus Italien. Die Auszeichnung für vielversprechende junge Komponisten ist jeweils mit 35.000 Euro dotiert. Zudem erhalten die jungen Künstler eine individuell und hochwertig produzierte Porträt-CD. Die Ernst von Siemens Musikstiftung vergibt 2020 insgesamt 3,6 Millionen Euro an Preis- und Fördergeldern. Davon entfallen nahezu drei Millionen auf die Unterstützung von Projekten im Bereich der zeitgenössischen Musik weltweit. Den mit 250.000 Euro dotierten Ernst von Siemens Musikpreis erhält die Musikerin Tabea Zimmermann.

Wenn Samir Amarouch nicht am Schreibtisch sitzt und komponiert, verbringt er seine Zeit am liebsten in der Natur – auf dem Feld, in den Bergen oder schlicht im Garten des kleinen Familienanwesens in der Region Nouvelle-Aquitaine. Hier findet der 1991 geborene Franzose häufig auch das Inspirationsmaterial für seine Kompositionen. Vogelstimmen, Kuhglocken, Hundegebell, Atemlaute oder Wolfsgeheul, von ihm als „Gesang“ bezeichnet – alles kann bei Amarouch in Musik transformiert werden. Dabei aber geht es nie um rein mimetische Verfahren, sondern vielmehr um die Unmöglichkeit von Nachahmung, um die Kluft zwischen virtueller und realer Natur. Amarouchs Klangobjekte oszillieren zwischen Erfindung und Repräsentation, zwischen musikalisch-struktureller Funktion und übertragener Bedeutung. Es ist genau dieses Changieren und Flüchtige, das die Faszinationskraft von Samir Amarouchs Musik ausmacht. Derzeit schließt Amarouch, ausgebildeter Konzertgitarrist, sein Masterstudium in Komposition und neuer Technologie am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse in Paris ab.

Die 1982 im US-amerikanischen Olympia (WA) geborene Catherine Lamb versteht sich als Komplizin des Hörers: „Unsere musikalischen Verfahren müssen die Tatsache anerkennen, dass Hörer, Musiker und Komponisten gemeinsam musikalische Welten erschaffen.“ Wer an Lambs Musik teilhat, für den wird Hören zu einem sich ständig wandelnden Bewusstsein, sich ausdehnend vom eigenen Erleben über die Gemeinschaftserfahrung des Aufführungsortes bis hin zu einem globalen Sinn des Hörens. Um ihren Hörern diese Klangerlebnisse zu ermöglichen, verwebt Catherine Lamb häufig mittels Liveübertragungsverfahren den Bühnenraum mit dessen weiterer Umgebung – Straßengeräusche, Sirenen, Gesprächsfetzen dringen in ihre Kompositionen und verschmelzen zu einem sich weitenden Innenraum, in dem Hörer, Musiker und die urbane Klanglandschaft eins werden. Das Handwerkszeug für ihre außergewöhnlichen kompositorischen Verfahren lernte die heute in Berlin lebende Lamb nicht allein im Rahmen der konventionellen KomponistInnenausbildung: Bevor sie 2012 ihr Studium an der Milton Avery School of Fine Arts am Bard College in New York mit einem MFA in music/sound abschloss, studierte sie im indischen Pune Hindustani-Musik. Der indische Filmemacher und Musiker Mani Kaul fungierte bis zu seinem Tod 2011 als Lambs Mentor

Für die 1979 geborene Italienerin Francesca Verunelli bedeutet Komponieren das Aufwerfen künstlerischer Fragen, die in dem jeweils entstandenen Werk immer nur ihre vorläufige Antwort finden. Verunelli geht es um das Formulieren von Paradoxa, die nur im Kunstwerk sinnfällig werden können und nicht zuletzt auch um das Ins-Werk-Setzen eigener ästhetischer Erfahrungen, um sie so auch für andere mitteilbar zu machen. Verunellis 2018 uraufgeführtem Orchesterwerk Tune and Retune liegen beispielsweise die eigenen frühen Erinnerungen an Konzerterlebnisse zugrunde sowie die faszinierte Wahrnehmung des Orchesters als atmendem Körper. Francesca Verunelli studierte Komposition bei Rosario Mirigliano und Klavier bei Stefano Fiuzzi am Konservatorium Luigi Cherubini in Florenz. Sie setzte ihr Studium an der Accademia Santa Cecilia bei Azio Corghi fort. 2010 wurde sie auf der Biennale di Venezia mit dem silbernen Löwen ausgezeichnet.

Die Ernst von Siemens Musikstiftung vergibt 2020 eine Gesamtsumme von über 3,6 Millionen Euro an Preis- und Fördergeldern. Eine Summe von nahezu 3 Millionen Euro entfällt auf die Förderung von etwa 120 Musikprojekten weltweit – von Chile bis New York, von Schweden bis Israel. Der größte Anteil der Fördergelder unterstützt Kompositionsaufträge. Darüber hinaus fördert die EvS Musikstiftung Konzerte auf großen und kleinen Bühnen sowie zahlreiche Festivals, Akademien und Vermittlungsprojekte. Einen hohen Stellenwert in der Stiftungsarbeit nehmen auch die Initiativprojekte ein, wie die jährlich in Luzern und München stattfindende Reihe räsonanz – Stifterkonzerte in Kooperation mit dem Lucerne Festival und der musica viva des Bayerischen Rundfunks sowie ab 2020 der mit je bis zu 75.000 Euro dotierte Ensemble-Förderpreis. Für den erstmals ausgeschriebenen Preis können sich Ensembles noch bis zum 16. März 2020 online bewerben. 

Die drei Komponisten-Förderpreisträger sowie die Ernst von Siemens Musikpreisträgerin, Tabea Zimmermann, werden am 11. Mai 2020 im Münchner Prinzregententheater bei einem musikalischen Festakt geehrt. Alle vier Preisträger werden in filmischen Kurzporträts des Regisseurs Johannes List vorgestellt. Das Ensemble Resonanz spielt Samir Amarouchs Analogies (2017) für 16 Musiker, eine eigens überarbeitete Fassung von Catherine Lambs Color residua (2016) sowie einen Auszug aus Cinemaolio (2015) von Francesca Verunelli. Tabea Zimmermann spielt Werke von Luciano Berio, György Kurtág und Benjamin Britten. Die Laudatio auf die Hauptpreisträgerin hält Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages a. D. und Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung. 

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