Zuschauer müssen wegen Corona draußen bleiben beim Musikfest Hamburg. Bild: Thies Raetzke
Zuschauer müssen wegen Corona draußen bleiben beim Musikfest Hamburg. Bild: Thies Raetzke

Elbphilharmonie nur als digitaler Raum

Das Internationale Musikfest Hamburg 2021 findet vom 6. Mai bis 6. Juni vollständig im digitalen Raum statt.

Es beginnt mit dem Stream des Eröffnungskonzerts, dargeboten vom Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter seinem Chefdirigenten Kent Nagano. Im dramaturgischen Zentrum des Musikfests stehen drei Abende von und mit dem Bariton Thomas Hampson und Gastsängerinnen und -sängern, die erstmals auf europäischem Boden das neu hinzugekommene Kapitel »A Celebration of Black Music« aus Hampsons Langzeit-Projekt »Song of America« aufführen. Dabei sind Kunstlied-Kompositionen überwiegend schwarzer US-Komponisten aus dem 20. Jahrhundert zu erleben, die von der bisherigen Musikgeschichtsschreibung sträflich vernachlässigt wurden. Zu den weiteren Höhepunkten des digitalen Musikfests zählen je zwei Konzerte mit dem Belcea Quartet und mit der diesjährigen Residenzkünstlerin Patricia Kopatchinskaja (Violine). Auch das NDR Elbphilharmonie Orchester sowie das Ensemble Resonanz sind mit jeweils zwei Programmen zu erleben. Die Balthasar-Neumann-Ensembles unter der Leitung von Thomas Hengelbrock beteiligen sich ebenso wie die Symphoniker Hamburg. Zudem wird ein spezielles Schumann-Projekt mit dem Insula Orchestra, das als Musikfest-Gastspiel in der Elbphilharmonie hätte stattfinden sollen, als Stream aus Paris übertragen. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg gestaltet beim diesjährigen Musikfest insgesamt drei Konzerte.

Das aufwendigste Projekt des Musikfests besteht aus drei dramaturgisch zusammenhängenden Einzelkonzerten und trägt den Titel »Song of America: A Celebration of Black Music«. Damit schreibt der weltberühmte Opern-Bariton, passionierte Liedsänger und akribische Liedforscher Thomas Hampson seine enzyklopädisch angelegte Beschäftigung mit dem US-amerikanischen Kunstliedschaffen nach »Wondrous Free« und »Beyond Liberty« um ein besonders wichtiges, bislang stark unterrepräsentiertes Kapitel fort. Hampson bringt eine Auswahl an Liedern schwarzer US-Komponistinnen und -Komponisten wie Valerie Coleman, William Grant Still, Robert Owens, Hale Smith, Florence Price oder Valerie Caspers mit nach Hamburg und versichert sich dabei der Unterstützung exzellenter afroamerikanischer Sängerinnen und Sänger wie Louise Toppin, Leah Hawkins, Lawrence Brownlee und Justin Austin, die teilweise schon sehr lange nachdrücklich für eine stärkere Berücksichtigung dieses Repertoires auf den Programmplänen kämpfen. Louise Toppin fungiert auch als Ko-Kuratorin dieser »Celebration of Black Music«. Der Eröffnungsabend der Song-Trilogie »Langston Hughes: Singing Harlem in Europe« zeichnet nach, auf welches Echo die Poesie afroamerikanischer Autorinnen und Autoren bei europäischen Liedkomponisten des 20. Jahrhunderts stieß, etwa bei Zemlinksy oder Wilhelm Grosz. Am letzten Abend erweitert sich das Genre Liederabend um orchestrale Farben und Werke, die Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (Leitung: Roderick Cox) beisteuert.

Das im Rahmen der diesjährigen Residenz der fulminanten Geigerin Patricia Kopatchinskaja geplante Konzertprojekt »Death and the Maiden« mit ihr und der Camerata Bern war für den 31. März in der Elbphilharmonie geplant und kommt nun als Bestandteil des Musikfests in einem Stream aus Bern. Kopatchinskajas Duo-Performance mit Reto Bieri (Klarinette) rund um Kurt Schwitters' Ursonate wird im Mai an mehreren Schauplätzen in der Elbphilharmonie aufgezeichnet und anschließend ausgestrahlt.

Mit Paavo Järvi als Gastdirigent bringt das NDR Elbphilharmonie Orchester Tschaikowskys Streicherserenade sowie Carl Nielsens Sinfonie Nr. 2 »Die vier Temperamente« auf die Bühne des Großen Saals der Elbphilharmonie. Chefdirigent Alan Gilbert hat sich vorgenommen, seine Interpretation von Mahlers 9. Sinfonie nachzuholen, die für das Musikfest 2020 geplant gewesen war. Beide Konzerte werden live übertragen.

Ein Nach-Echo aus dem letzten Musikfest erklingt auch in einer Aufzeichnung für Classical Futures Europe, die im Mai veröffentlicht wird. In einem ganz in Schwarzweiß gehaltenen Video aus dem Kleinen Saal interpretiert das Shalamov Piano Duo die »Fantasie über das Thema S-H-E-A für zwei Klaviere« von Sofia Gubaidulina, der beim Musikfest 2020 der Komponistenschwerpunkt gegolten hätte.

Auf dem Programm des Livestreams mit dem Ensemble Resonanz aus dem Großen Saal der Elbphilharmonie (Leitung: Riccardo Minasi) steht neben Werken von Bach und Schubert auch das Konzert für Orgel, Streichorchester und Pauken von Francis Poulenc. Solistin ist Iveta Apkalna, Titularorganistin der Elbphilharmonie. Seinen zweiten Musikfest-Abend gestaltet das Ensemble mit der Sinfonie Nr. 5 für Streichorchester des chinesischen Komponisten Xilin Wang, die Leitung hat Johannes Kalitzke.

Live werden die beiden Konzerte mit dem Belcea Quartet übertragen, das sich diesmal ausschließlich mit Streichquartetten, -quintetten und -sextetten von Brahms beschäftigt. Am ersten Abend komplettiert der Bratscher Amihai Grosz die Besetzung zum Quintett, tags darauf erweitern Tabea Zimmermann (Viola) und Jean-Guihen Queyras (Violoncello) das Belcea Quartet zum Allstar-Sextett.

Auch die Symphoniker Hamburg unter der Leitung ihres Chefdirigenten Sylvain Cambreling senden ihre sinnige Verschränkung von Beethovens Sinfonie Nr. 3 »Eroica« mit Schönbergs »Ode to Napoleon Buonaparte« aus der Laeiszhalle live.

Das Funkelkonzert »Himmelblau«, eine semi-szenische Produktion mit Schauspielerinnen und Schauspielern des Backstage Jugendclub Deutsches Schauspielhaus und der jungen norddeutschen philharmonie (Leitung: Duncan Ward), wird dieser Tage produziert. In »Himmelblau« trifft Beethovens Sinfonie Nr. 6 »Pastorale« auf Texte aus Eichendorffs »Aus dem Leben eines Taugenichts«. Der Konzertfilm entsteht in Ko-Produktion mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

Händels Oratorium »Israel in Egypt«, gesungen und gespielt vom Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble unter der Leitung von Thomas Hengelbrock, wird als Produktion von ARTE gezeigt. Dasselbe gilt für den Beitrag des Insula Orchestra aus Paris. Das hätte unter der Leitung seiner Chefdirigentin Laurence Equilbey mit Gesangssolistinnen wie Marie-Adeline Henry (Sopran) und Adèle Clermont (Sopran) sowie dem Chor accentus beim Internationalen Musikfest in der Elbphilharmonie ein exquisites, aus lauter selten aufgeführten Vokalwerken von Robert Schumann zusammengestelltes Programm aufführen sollen. Der Abend wird nun aus Paris gestreamt, aus der Seine Musicale, dem neuen Konzerthaus im Südwesten der Stadt, Sitz des Insula Orchestra.

Auf die Spuren von Magellans Weltumsegelung von 1519 bis 1522 begibt sich das portugiesische Barock-Ensemble Sete Lágrimas, das in sein in der Laeiszhalle produziertes Programm »Das letzte Schiff« alte spanische und italienische Vokalmusik und mancherlei andere klangliche Exotismen einflicht.

Im Eröffnungskonzert des Internationalen Musikfests spielt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg die Uraufführung von »Alisma«, dem Tripelkonzert für Violine, Violoncello, Klarinette und Orchester des Schweizer Komponisten William Blank (Solisten: Jan Vogler, Violoncello, Mira Wang, Violine, Daniel Ottensamer, Klarinette) sowie Beethovens Sinfonie Nr. 5. Im zweiten Konzert mit dem Philharmonischen Staatsorchester spielt die Geigerin Veronika Eberle die Uraufführung des Violinkonzerts »Genesis« von Toshio Hosokawa. Schließlich widmet sich das Orchester Werken von Schubert und Mahler und präsentiert dabei ein ehemaliges Mitglied aus den eigenen Reihen, das inzwischen als Opernsänger Weltkarriere gemacht hat: Klaus Florian Vogt (Tenor). Alle drei Konzerte werden von Kent Nagano geleitet, dem Chefdirigenten der Philharmoniker.

Das Internationale Musikfest Hamburg wurde 2014 gegründet. Es lief zunächst im Zweijahresrhythmus und findet seit 2018 alljährlich statt. Auf die Mottos »Verführung« (2014), »Freiheit« (2016), »Utopie« (2018) »Identität« (2019) und »Glauben« (2020) hätte im Jahr 2 nach Corona »Hoffnung« folgen sollen. Das Internationale Musikfest Hamburg 2021 verdankt seine Existenz weiterhin der großzügigen Förderung durch die Kühne-Stiftung, die Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg sowie durch den Förderkreis Internationales Musikfest Hamburg. Ihnen allen sei an dieser Stelle ausdrücklich für ihre Treue und ihr unverbrüchliches Engagement auch und gerade in schwierigen Zeiten gedankt.

 

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