Placido Domingo. Bild: Kaori Suzuki
Placido Domingo. Bild: Kaori Suzuki

Eine echte Heldengestalt: Placido Domingo

Der Tenor, Bariton, Dirigent, Intendant, Wettbewerbsinitiator, Fernsehstar und was sonst noch alles wird 80.

Die Helden Wagners, das seien doch alles gebrochene Gestalten, hat René Kollo gesagt. Man möchte hinzufügen: Nicht nur die Helden bei Wagner, dessen Vorbilder natürlich in der Antike liegen: Herakles, der im Wahnsinn auch schon mal seine Familie niedermetzelt, Jason, der Medea und seine Kinder sitzen lässt, Odysseus, der eitel reihenweise seine Gefährten ans Messer liefert, der musische Achill, der beleidigt seine Kumpel vor Troja hängen lässt und natürlich Zeus, der im eigenen Interessengeflecht nicht immer seine Protegées schützen kann - wen interessieren Helden, die nicht auch menschliche Schwäche haben?

Denn Schwäche, das ist Gefühl. Davon berstete der Gesang des Tenors Placido Domingo geradezu. Und deshalb wird dieser Jahrhundertsänger seinen Platz im Erinnerungs- und Plattenolymp behalten. Als Bariton weniger. Aber seine Jahrhundert-Aufnahmen als Tenor werden bleiben. Domingos unendliches Timbre ist unverwechselbar und ragt aus dem Heer der bloß metallisch-kraftvollen Tenor-Typen bis über die Wolken in den Gesangshimmel. Da er zudem ein Erzmusiker ist, ist auch seine Phrasierung Legende. Selbst die Kraftmeiereien, die ab den 90er Jahren Teil seiner Performance wurden, überdeckten nie den unbändigen Willen und seine Fähigkeit, mit Gesang Menschen zu erreichen und ihnen etwas Dringendes mitzuteilen. Als Bariton gelingt ihm das kraft seiner Präsenz mehr, denn aufgrund seines Gesanges.

Wie alle großen Tenöre hatte Domingo auch eine Schwäche für die populären Lieder und Canzonzen, als natives Mitglied der spanisch-sprachigen Community waren das auch südamerikanische Melodien. 1959 debütierte er in einer Nebenrolle in Mexiko City, seinen ersten Alfredo (La Traviata) und sogar Cavaradossi (Tosca) sang er mit 19 (!!), Don José in Carmen, eine seiner besten Rollen überhaupt, gab er erstmals mit 22. Was den Anfängen in Mexico und Israel folgte ist Teil der Domingo-Legende: Über die City Opera in New York kam er an die Met. Ab 1967 trat er an deutschen Häusern und in Wien auf. Er war und ist ein Weltstar. Und auch als Dirigent (2018 Walküre in Bayreuth) hat er es weit gebracht.

Was bleibt von Domingo, von dem nach Corona sicher noch weitere Aufritte als Bariton zu erwarten sind? Hier eine subjektive Auswahl: Es sind vor allem die Verdi-Rollen in Aida und Otello, bei Puccini der Cavaradossi aus Tosca, Don José aus Carmen und manche Verismo-Rolle. Und natürlich sein Wagner. Die Meistersinger-Aufnahme unter Jochum ist sprachlich vielleicht noch etwas ungelenk, aber der Lohengrin unter Solti und der Tristan unter Pappano sind sängerische Großereignisse. Was hinter diesen Erfolgen und den weit über 100 anderen gesungenen Hauptrollen an Arbeit steckt, mag man sich kaum vorstellen.

Heute wird Placido Domingo 80 Jahre alt. Wir sind gespannt, was noch alles kommt von diesem Helden der Operngeschichte des 20. Jahrhunderts.

 

 

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