Benjamin Appl. Foto: Lars Borges/Sony Classical
Benjamin Appl. Foto: Lars Borges/Sony Classical

Die Welten des Liederabends

Ein Liederabend: Christian Gerhaher. Ein anderer Liederabend: Benjamin Appl. Versuch einer Annäherung an die Frage, was einen guten Sänger ausmacht.

Dem einen (Gerhaher) riet Fischer-Dieskau ab. Der andere (Appl) darf als Dieskaus letzter Schüler gelten. Da können beide nichts für. Und auch Jahrhundertsänger Dieskau darf irren. Auch zweimal.

Binnen einer Woche bot das musikalisch reiche Rheinland nun die Gelegenheit, Gerhaher und Appl, den arrivierten und den von England aus über Sony gepushten, im Vergleich zu hören. Beide hatten dabei sicher nicht ihren besten Tag. Vielleicht ist das Ergebnis im Hinblick auf die Frage, was guter Gesang sei und was ihn ausmache, umso schwerer zu wiegen.

Gerhaher eröffnete im schönen Zeughaus Neuss, einem Kammermusiksaal mit knapp 400 Plätzen im Zentrum der im Schatten Düsseldorfs liegenden Stadt, die Serie der Zeughaus-Konzerte. Eine traditionsreiche und ambitionierte Reihe in einem echten Kammermusiksaal, wie ihn weder Köln noch Düsseldorf zu bieten haben.

Gerhaher begann mit fünf losen Schubert-Liedern (Sei mir gegrüßt, Dass sie hier gewesen, Lachen und Weinen, Greisengesang, Du bist die Ruh) und ließ den Schwanengesang folgen. Den obersten Hemdknopf unter der Fliege offen und irgendwie wie widerwillig in den Frack gesteckt wirkend nahm er den Saal vom ersten Ton und eigentlich schon davor ein. Auch wenn Gerhaher einen gelegentlichen Seitenblick auf das Notenpult nahm, so war doch klar: Hier hat einer etwas zu sagen. Und das, obwohl er sich anfänglich erst in die Stimme singen musste, mal leicht knödelig agierte und ihm einmal sogar die Stimme richtig entglitt - was macht's bei einer solch suggestiven (Sorry, Herr Kesting:) Ausdrucks-Kraft, bei solch einer innerlich durchdrungenen und druchrungenen Gestaltungskompetenz und bei einem Organ, das nach oben und unten offen ist, das einen schier unerschöpflichen dynamischen Differenzierungsreichtum kennt, das den sanftesten Kopfklang in das brutalste Fortissimo anschwellen lassen kann? Und doch sind das alles nur äußerliche Beschreibungen, die das Wesen der Frage, warum der Liedgesang von Christian Gerhaher derart berührt, nur an den Voraussetzungen für ihre Beantwortung streift.

Denn das Wesen des Gesangs ist natürlich mehr als die Summe seiner erklär- oder herleitbaren Konstitutionen. Es dürfte Aspekte des Denkens, Wollens, der Energie, der Kraft, sich durch das Singen transformieren zu lassen, sich selber dabei hinter sich zu lassen, ohne sich aber zu verleugnen oder zu verlieren beinhalten. Die stimmliche Begabung und ihre technische Verfügbarmachung sind natürlich ebenfalls zu berücksichtigen.

Kurzum: Was Gerhaher singt, das glaubt man ihm. Und zugleich behält er das notwendige Maß erzählerischer Distanz zum Lyrischen Ich, so dass die Emotion nie so weit in den Vordergrund gezerrt würde, als dass sie banal wirken könnte. Dass das Auditorium begeistert war, darf berichtet werden.

Benjamin Appl sang vor ebenfalls knapp 400 Zuhörerinnen und Zuhörern, allerdings im nach oben hin abgedunkelten weiten Rund der Kölner Philharmonie.

Auch er hatte ein schönes Programm: Zehn Schubert-Lieder bildeten den ersten Teil, darunter Der Winterabend, Der Wanderer an den Mond, Die Taubenpost, Alinde, An die Laute und Der Zwerg. Nach der Pause folgten fünf Lieder op. 40 von Schumann, ein Werk von Matthias Pintscher (Canti I nach Octavio Paz) und Lieder von Grieg.

Ein angenehme Erscheinung ist Appl allemal und wo er kurz moderierte, etwa vor dem Pintscher-Stück, wirkte er sympathisch und uneitel. Er vermeidet eine äußerliche Performance, sondern nimmt sich zurück. Appl kann leise singen und bis zu einer bestimmten Grenze auch aufdrehen. Seine Textverständlichkeit ist sehr hoch. Er phrasiert musikalisch.

Doch leider fehlt ihm gänzlich, was Gesang spannend macht. Die Töne leben nicht, sie sind nicht gefüllt, weder klanglich, noch von sinngebendem Gehalt. Zeitweise fühlt man sich wie im Klassenabend an der Hochschule, ein schönes Talent ist da zu hören, es fehlt ihm nur die Persönlichkeit und die technische Überlegenheit, um es in eine künstlerisch relavante Bahn zu lenken. Dass Appl diese Persönlichkeit noch entwickeln wird, darf bezweifelt werden. Und das liegt auch an seiner Technik. Die Stimme bleibt Stückwerk. Sie ist weder oben noch unten im Körper angekommen. Und auch nicht ganz vorne in den für den Stimmcharakter entscheidenden Resonanzräumen. Wo er stärker singen will, verengt er den Klangraum auch noch. Zwar gleitet die Stimme sanft durch den Abend, wenn es aber um die Delikatessen des Liedgesangs geht, hohen, tragfähigen und von innerer Glut getragenen Piansogesang, da kommt leider sehr Unfertiges zutage, kaum noch schwingend und klingend.

Das Schlimmste, das sich aus diesen vielen Defiziten ergibt, ist die Langeweile, die Appl mit seinem Gesang verbreitet. Das Publikum hat es offenbar ebenso wahrgenommen wie der enttäuschte Rezensent. Der Beifall ist höflich (ganz vereinzelte lautstarke Akklamation sei nicht verschwiegen), zur Autogrammstunde steht nur eine Handvoll Leute an. 

Was wäre ein Liederabend ohne die Partner der Sänger, die Pianisten? Gerold Huber braucht keine Hemmungen im Zusammenspiel mit Gerhaher zu haben, bleibt dafür manchmal vielleicht zu abwartend und schlank im Ton. James Baillieu (mit iPad statt Notenstapel) artrikuliert fein und gestaltet klar, immer im Bewusststein, einen Sänger zu begleiten, den man mit seiner Energie nicht überfordern darf.

Johannes Schmitz

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