Viel Platz zum Abstand halten: Das Große Festspielhaus in Salzburg. Bild: Salzburger Festspiele / Luigi Caputo
Viel Platz zum Abstand halten: Das Große Festspielhaus in Salzburg. Bild: Salzburger Festspiele / Luigi Caputo

Das Programm der Salzburger Festspiele

Es gibt nur ein Drittel der Karten und weniger Konzerte - aber die Salzburger Festspiele finden statt.

Die Salzburger Festspiele wurden in einer Zeit größter Not als mutiges Projekt gegen die Krise gegründet. Max Reinhardt war davon überzeugt, dass nur die Kunst die vom Krieg gegeneinander gehetzten Menschen, ja Völker, wieder versöhnen könnte. Die Kunst nicht als Dekoration, sondern als Lebensmittel und Lebenssinn.

Dass die Festspiele nun in modifizierter und verkürzter Form vom 1. bis 30. August stattfinden können, lässt diesen Gründungsgedanken – Die Kunst als Lebensmittel und Lebenssinn – aktueller denn je erscheinen.  Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler dazu: „Ich habe keine Minute daran gezweifelt, dass wir in diesem Sommer spielen würden. Nikolaus Harnoncourt war fest davon überzeugt: ‚Wenn wir, die Künstler, gut sind, dann gehen die Menschen anders aus der Vorstellung heraus, als sie hineingekommen sind.‘ – Genau dieses Erlebnis wollen wir unseren Besuchern auch dieses Jahr schenken.“  „In einer Zeit, in der eine gewisse Orientierungslosigkeit herrschte, haben die Festspiele Entscheidungen getroffen, die sich im Nachhinein als hoffentlich richtig herausgestellt haben. Dass wir mit der Entscheidung, ob es Festspiele geben kann, gewartet haben, war eine Mischung aus Hoffnung, Traum und vielleicht auch Intuition, dass sich die Fallzahlen der Pandemie doch in eine Richtung entwickeln könnten, die ein Zusammenfinden von Menschen möglich machen. Denn um nichts Anderes geht es bei Festspielen. In den vergangenen Wochen hat sich gezeigt, dass die Sehnsucht nach diesem Zusammenfinden übergroß geworden ist. Auch die virtuellen Angebote und Streaming, die jede Aura der Kunst ausschließen, können diese Sehnsucht nicht ganz erfüllen. Wir werden in diesem Jahr Festspiele erleben, die anders sind. Wir werden Festspiele erleben mit deutlich weniger Veranstaltungen, mit einem deutlich geringeren Kartenangebot und damit auch weniger Zuschauern. Und es werden Festspiele sein, die jedem Sicherheitsanspruch gerecht werden“, sagt Intendant Markus Hinterhäuser.  

Die Festspiele haben auch unter diesem Gesichtspunkt ihr Programm modifiziert, die Spielstätten von 16 auf 8 reduziert. Das Haus hat bereits ein Präventionskonzept erarbeitet, das derzeit mit dem Expertenbeirat und den Behörden abgestimmt wird. Dieses wird laufend den neuen Entwicklungen angepasst.

Richard Strauss

Den Festspielsommer 2020 eröffnen die Salzburger Festspiele mit einem Werk, das im Schaffen aller drei Festspielgründer – Richard Strauss, Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt – eine bedeutende Rolle gespielt hat: mit der Oper Elektra von Richard Strauss. Hugo von Hofmannsthals gleichnamiges Schauspiel nach der Tragödie von Sophokles wurde 1903 in der Regie von Max Reinhardt in Berlin uraufgeführt. Im Publikum saß Richard Strauss, der die Begegnung mit Hofmannsthal als schicksalhaft empfand. Er bat Hofmannsthal 1906 in einem Brief, ihm „in allem Komponierbaren von Ihrer Hand das Vorrecht zu lassen. Ihre Art entspricht so sehr der meinen, wir sind füreinander geboren und werden sicher Schönes zusammen leisten, wenn Sie mir treu bleiben“. Bereits im selben Jahr begann Richard Strauss mit der Komposition seiner einaktigen Oper. Drei Jahre später, am 25. Januar 1909, wurde sie in Dresden mit großem Erfolg uraufgeführt. Regie führt Krzysztof Warlikowski, der 2018 mit Hans Werner Henzes The Bassarids sein erfolgreiches Debüt bei den Salzburger Festspielen in der Felsenreitschule gab. Franz Welser-Möst, dem die Salzburger Festspiele viele unvergessliche Aufführungen der Werke von Richard Strauss verdanken, dirigiert die Wiener Philharmoniker und die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor. Die Rolle der Elektra übernimmt Aušrine Stundyte. Die Chrysothemis singt Asmik Grigorian, die für ihre Rolle als Salome in der Kritikerumfrage der Opernwelt als Sängerin des Jahres 2019 ausgezeichnet wurde. An ihrer Seite singen Tanja Ariane Baumgartner als Klytämnestra, Michael Laurenz als Aegisth und Derek Welton als Orest. Premiere ist am 1. August in der Felsenreitschule. 

Kein Jubiläum ohne Mozart

Die beiden ursprünglich für das Jubiläum geplanten Mozart-Opern Don Giovanni und Die Zauberflöte werden ins Programm 2021 aufgenommen. Aber selbstverständlich wird man in einem so wichtigen Jahr nicht auf eine Mozart-Oper verzichten müssen: Intendant Markus Hinterhäuser und Regisseur Christof Loy haben die spontane Idee entwickelt, Così fan tutte auch in Corona Zeiten erlebbar zu machen, also ohne große Bühnenmaschinerie und mit einer deutlich reduzierten Probenzeit. Joana Mallwitz dirigiert die Wiener Philharmoniker und gibt damit in Così fan tutte ihr Festspiel-Debüt, als erste Frau, die eine Oper bei den Salzburger Festspielen dirigiert. Es konnte ein junges Ensemble gefunden werden: Elsa Dreisig übernimmt die Rolle der Fiordiligi und Marianne Crebassa jene ihrer Schwester Dorabella. Bogdan Volkov singt Ferrando und Andrè Schuen die Rolle des Guglielmo. Lea Desandre und Johannes Martin Kränzle geben Despina und Don Alfonso. Premiere ist am 2. August im Großen Festspielhaus.   

Konzerte 

Das Konzertprogramm der modifizierten Festspiele 2020 beruht auf dem Grundgerüst der Festspielplanungen: also Konzerten mit den Wiener Philharmonikern sowie Gastorchestern, Solistenkonzerten, Liederabenden, Kammerkonzerten sowie Konzerten mit Neuer Musik.  
 
Gerade die in diesem Jahr besonders wichtige Ouverture spirituelle kann leider nicht stattfinden – sie sollte die Gründungsmission der Festspiele „als eines der ersten Friedensprojekte“ unter dem Titel „Pax“ widerspiegeln. Die geplanten Veranstaltungen werden jedoch im Juli 2021 nachgeholt. Auch jene Konzertreihen, die speziell für das Jubiläumsjahr erdacht wurden – wie „Zeit mit Feldman“ sowie „Moments musicaux“ –, werden nicht abgesagt, sondern auf das nächste Jahr verschoben. Modifikationen waren auch bei den Spielstätten notwendig. So können die Festspiele jenen Saal, in dem üblicherweise die meisten Konzerte stattfinden – den Großen Saal der Stiftung Mozarteum –, diesen Sommer nicht nutzen. Stattdessen werden die Mozart-Matineen, die Konzerte der Camerata Salzburg, die Liederabende und Kammerkonzerte im Haus für Mozart stattfinden. Auch der BeethovenZyklus mit Igor Levit übersiedelt ins Haus für Mozart und ins Große Festspielhaus. 

Avantgarde

In einem modifizierten Festspielprogramm darf ein ganz besonderer Konzertort jedoch nicht fehlen: die Kollegienkirche. Unter Bezugnahme auf Luigi Nono wird dort eine kleine, aber feine Reihe unter dem Titel „Fragmente – Stille“ realisiert, die die Salzburger Festspiele mit Ensembles und Künstlern geplant haben, deren ursprüngliche Projekte aufgrund der Vorgaben und Einschränkungen diesen Sommer modifiziert oder abgesagt werden mussten. Den Auftakt machen Emilio Pomàrico und das Klangforum Wien mit in vain von Georg Friedrich Haas, gefolgt von Cantando Admont unter der Leitung von Cordula Bürgi. Im Zentrum des Programms des Minguet Quartetts steht jenes Werk, das der Reihe den Titel gibt: Fragmente – Stille, an Diotima für Streichquartett von Luigi Nono. Es basiert auf Gedichten von Friedrich Hölderlin, dessen 250. Geburtstag – so wie jener Beethovens – dieses Jahr gefeiert wird. Es seien „schweigende Gesänge aus anderen Räumen, aus anderen Himmeln. Die Ausführenden mögen sie ‚singen‘“, erläuterte der Komponist. Die „Fragmente“, die Nono in seinem Werk musikalisch verarbeitet, stammen aus Stücken von Johannes Ockeghem, Giuseppe Verdi sowie Ludwig van Beethoven, die wiederum Teil dieses Konzertprogramms sind. Otto Katzameier und das Klangforum Wien unter der Leitung von Sylvain Cambreling widmen sich im letzten Konzert der Reihe dem Schaffen von Salvatore Sciarrino.  
 
Die Wiener Philharmoniker haben das musikalische Niveau vorgegeben, für das die Salzburger Festspiele weltberühmt sind. 1925 traten sie zum ersten Mal unter ihrem berühmten Namen bei den Salzburger Festspielen auf. Zuvor waren ab 1921 bereits einzelne Mitglieder des Orchesters der Wiener Staatsoper beteiligt. Ab 1922 gab es erstmals Oper bei den Salzburger Festspielen als Gastspiel aus der Wiener Staatsoper. Am Pult der Wiener Philharmoniker stehen in diesem Jahr: Andris Nelsons, Riccardo Muti, Christian Thielemann – mit Elīna Garanča als Solistin – und Gustavo Dudamel – mit Evgeny Kissin am Klavier.   
 
In der Reihe Orchester zu Gast werden das ORF Radio-Symphonieorchester unter Kent Nagano, das West-Eastern Divan Orchestra mit dessen Gründer Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker unter Chefdirigent Kirill Petrenko zu hören sein.  Die Werke des Jahresregenten Ludwig van Beethoven ziehen sich durch alle Konzertreihen und gipfeln in einem Beethoven-Zyklus mit Igor Levit, dem Beethoven-Pianisten der jüngeren Generation. Igor Levit durchmisst den Kosmos der 32 Klaviersonaten an acht Abenden im Haus für Mozart.  
 
Die monumentalen Diabelli-Variationen interpretiert Daniel Barenboim in der Reihe der Solistenkonzerte. Mit dem Klavierabend am 19. August 2020 feiert er auf den Tag genau sein 70-jähriges Bühnenjubiläum. In weiteren Solistenkonzerten sind unter anderen Martha Argerich, Renaud Capuçon, András Schiff, Grigory Sokolov, Daniil Trifonov und Arcadi Volodos zu hören.  
 
Unter dem Titel „Canto lirico“ sind die größten Sängerinnen und Sänger unserer Zeit zu erleben: Sonya Yoncheva unternimmt gemeinsam mit der Cappella Mediterranea und unter der musikalischen Leitung von Leonardo García Alarcón eine Reise in die Frühzeit des Genres. Cecilia Bartoli singt Werke von Händel und seinen Zeitgenossen. Gianluca Capuano dirigiert Les Musiciens du Prince-Monaco. Anna Netrebko und Yusif Eyvazov widmen sich dem russischen Repertoire und singen Auszüge aus Peter I. Tschaikowskis Opern Pique Dame, Eugen Onegin und Iolanta. Mikhail Tatarnikov dirigiert das Mozarteumorchester Salzburg im Großen Festspielhaus. Juan Diego Flórez wiederum nimmt sich Werken von Bellini, Verdi, Massenet oder Puccini an. Er wird von Vincenzo Scalera am Klavier begleitet.  Die Liederabende gestalten Matthias Goerne zusammen mit Jan Lisiecki und Benjamin Bernheim mit Carrie-Ann Matheson am Klavier.

Statt der ursprünglich angebotenen 242.373 Karten gibt es nun nur rund 80.000 Karten. Aber immerhin: Die Salzburger Festspiele finden statt!

Zur Übersicht