Wolfgang Rihm: Requiem-Strophen

Chor des Bayerischen Rundfunks | Wolfgang Rihm: Requiem-Strophen

Was macht man mit einem Werk, das im Hier und Jetzt entstanden ist und doch ein Gutteil an Musiktradition hörbar im Schweif mitführt? Das also ein sibyllinisches musikalisches Wesen ist, zu Hause im Geheimnis zwischen Gestern und Heute?


Die Antwort von Wolfgang Rihm ist klar – geht es in seinen Requiem-Strophen doch um existenzielle Dinge, um Tod und Trauer, die Musikalisierung eines überzeitlichen Themas. Liegt da das Votum – so mag man fragen – für eine überzeitlich sich kreuzende Musik nicht nahe?
Natürlich wäre Rihm nicht Rihm, wenn es sich hier um eine Art Zitat-Collage aus bekannten Stücken der Musikgeschichte handelte. Dafür ist der Badener zu sehr Originalgenie. Zwar verzichtet er wie Fauré oder Brahms in der Orchestration mehrfach auf Geigen, verfällt im Lacrimosa in Anlehnung an Mozart in einen Sechsachteltakt (Mozart setzte seins im Zwölfachteltakt). Auch finden wir hier Kyrie, Sanctus und (sogar zweimal) Lacrimosa als überkommene Struktur einer Totenmesse. Schon Hans Werner Henze wollte in seinem Requiem nicht auf die traditionellen Satzfolgen verzichten. Aber all diese kleinen Verweise helfen kaum weiter. Von Anfang an setzt Rihm auf große Kontraste, auf eng verzahnte, hoch expressive Gesangslinien (meisterhaft vorgeführt von Mojca Erdmann und Anna Prohaska). Der Chor des Bayerischen Rundfunks tut ein Übriges.
Das Werk kennt tastend zarte Momente, aber auch gewaltig grollende Bläsereinwürfe. Mariss Jansons macht selbst die mit dem Symphonieorchester des BR noch durchhörbar. Und obwohl das Requiem letztlich Fragment bleiben soll, entwirft Rihm hier eine fortlaufende, packende musikalische Rede. Wer kann das heute schon auf diesem Niveau? Diese Musik berührt. Und das soll sie auch!

Tilman Urbach

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Rihm: Requiem-Strophen; M. Erdmann, A. Prohaska, H. Müller-Brachmann, Symphonieorch. des Bayerischen Rundfunks, M. Jansons (2017); Neos (SACD)

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